
Nochmals lasse ich mich auf das Lichtspiel an der Fassade des Innsbrucker Doms ein. 12 Tage hat die Lichtinstallation unter dem Titel „Layers of Life“ dem barocken Gebäude jeden Abend ein einzigartiges und faszinierendes Leben geschenkt. Während die beiden Türme, die Simse und Pilaster, die Nischen und Fenster, die Portale und Statuen von den LED-Lampen in einer Symphonie von Lichtern lebendig werden, wird zugleich mein Traum von einer Kirche wach und flackert meine Sehnsucht mit den hüpfenden Lichtern, dass Erstarrtes in der Kirche sich löse und Kirche sich öffne für Neues. Die Lichter lassen scheinbar die Mauern bröckeln. Wird der Klerikalismus und Patriarchalismus der Kirche bröckeln und wird Stein um Stein eine neue Kirche gebaut, in der jede Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern aufgehoben ist und jede Form der klerikalen Teilung des einen Volkes Gottes in Geweihte und Nicht-Geweihte sich auflöst? Einer, der wie kein anderer in der Diözese Innsbruck die Macht hat, Änderungen anzustoßen, kann jeden Abend nebenan im bischöflichen Haus dem Lichtspektakel zusehen. Im Licht der Scheinwerfer bewegen sich die Türme – so wie sich die Kirche als Institution bewegen könnte. Wird der Pflichtzölibat abgeschafft, mit dem auch so viel Leid und Heuchelei verbunden ist? Werden Frauen auch gleichberechtigt mit den Männern alle Dienste und Ämter in der Kirche bekleiden können, ohne dass damit die Gefahr einer weiteren Klerikalisierung verbunden ist? Die bunten tanzenden Lichter an der 300 Jahre alten Fassade symbolisieren für mich die Hoffnung, dass „meine Kirche“ im neuen Jahr in einer dunklen Zeit ein kräftiges Nein zu allen gewalttätigen Phänomenen ausspricht und dass sie eine Anwältin für Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit ist. Die Lichtshow lässt auch die fassadendeckende Zahl 1.0.0 am Bischofshaus sichtbar werden. Die „Notrufnummer“ erinnert nicht nur an die Geburt des Messias, sondern auch an die Nummern, die Asylsuchende bekommen, wenn sie keinen Ausweis mit Geburtsdatum haben. Die Kirche will an ihrer Seite stehen. Sie ist so ein Kontrapunkt zu den asylfeindlichen Stimmungen und Kräften im Land. Im Dunkel und in der Kälte der Nacht hat die Lichtshow mir Licht und Wärme geschenkt.
klaus.heidegger