Von der Hegelschen „Aufhebung“ des konfessionellen Religionsunterrichtes

Zustimmung

Mein Artikel in der Sonntagsausgabe der Tiroler Tageszeitung (Brief an Tirol, 27. Jänner 2018) hat viele Reaktionen ausgelöst. Ich hatte zahlreiche Gespräche über die künftige Gestaltung eines Religionen- und Ethikunterrichtes. Schülerinnen und Schüler, mit denen ich täglich zu tun habe, können es nicht verstehen, dass an einem Unterricht, in dem alle gemeinsam in der Klasse an den religiös-ethischen Fragestellungen arbeiten, noch gezweifelt wird.[1] Für sie ist die Segmentierung zu Beginn einer Religionsstunde widersinnig – oder in ihrer Sprache – „einfach blöd“. Im Kollegium gab es mit einer Ausnahme nur Zustimmung. Wenn auch nicht offiziell – so gab es von Seiten der Kollegen und Kolleginnen, die Religion unterrichten, meist gleichlautende Befürwortung meiner Gedanken. Zurecht befürchten sie: Wenn es zu einem verpflichtenden Ethikunterricht kommt, dann wird das eigene Standing mit dem konfessionellen Unterricht mehrfach schwieriger, ganz abgesehen davon, dass es pädagogisch höchst fragwürdig ist. Ich denke an den Satz einer Kollegin einer kleineren Religionsgemeinschaft: „Wenn es zum verpflichtenden Ethikunterricht kommt, dann bin ich weg!“ Die Alternative eines Ethikunterrichtes, der gut platziert am Vormittag stattfände, der aus Schülerperspektive mehr Austausch über ethische Fragen böte und damit mehr Lebensbezug vorgäbe, würde bei ihren Schülerinnen und Schülern mit großer Wahrscheinlichkeit zur Abmeldung von ihrem Unterricht führen. Auch andere Schulpartner bekräftigten das von mir skizzierte Modell eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichts. Ein Elternteil erzählte schmerzlich von der Erfahrung, wie seine Tochter in der 3. Volksschulklasse aus dem bis dorthin gemeinsamen Religionsunterricht genommen wurde, weil sie Muslima ist. Das Kind wollte in der Klasse bleiben, weil es auch ihre Gruppe war. Die Eltern wollten ohnehin, dass ihr Kind sowohl die christliche Religion gut kennenlernt, als auch in ihrer eigenen Religion beheimatet ist. Das ist nur eine Geschichte von so vielen anderen. Was beispielsweise würde geschehen  in Schulen wie in einer NMS Olympisches Dorf, gäbe es dort vormittags einen verpflichtenden Ethikunterricht? Schon jetzt ist dort in einem Großteil der Klassen auch der katholische Religionsunterricht nur mehr einstündig. In einer Klasse gibt es jetzt schon keinen mehr. Aus schulorganisatorischer Sicht wäre der verpflichtende Ethikunterricht jedenfalls eine ideale administrative Lösung.

Ablehnung des gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichts

Für die Leitungsebene des jetzigen Religionsunterrichtes ist mein Modell untragbar, ohne dass aber wirklich argumentiert würde. Von der Bischofskonferenz über die Schulämter gilt die Devise: Kein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht. Die Zweigleisigkeit – hier der verpflichtende Ethikunterricht, dort wie bisher die in viele Konfessionen aufgesplitterte Welt der Religionsunterrichte – wird favorisiert. Diese Option entspricht der Linie, die nun von Bildungsminister Faßmann umgesetzt werden soll. Das Bischofskonferenz-Faßmann-Modell ist auf Schiene und man kommt sich wie ein unbequemer Abweichler vor, wenn man es infrage stellt.

Die Schulamtsleiterin der Erzdiözese Wien, Andrea Pinz, „begrüßt“ ausdrücklich das Modell von Faßmann.[2] Den Ethikunterricht will sie  auf die Sekundarstufe I ausgeweitet sehen. In diesem Punkt geht sie durchaus konform mit den Vertretern des Faches Ethikunterricht.

Manche Befürworter und Vertreter des verpflichtenden Ethikunterrichtes fordern jedoch längst schon weitere Schritte, die nicht mehr im Interesse der Religionsgemeinschaften und Kirchen sein dürften. So etwa soll die Regelung fallen, dass eine Abmeldung vom Religionsunterricht für konfessionell gebundene Schülerinnen und Schülern Voraussetzung sei, um einen Ethikunterricht zu besuchen. In diesem Detail wird jedenfalls einmal mehr sichtbar, wie die Türen zu einem Ethikunterricht weit aufgemacht werden, während die Spielräume für den konfessionellen Unterricht enger werden. Man wünscht sich anstatt der geltenden Abmelde-Regelung eine Opt-In-Variante für eines der beiden Fächer. Manche Vertreter des Pflichtfaches Ethik spüren den Aufwind: Religionslehrerinnen und Religionslehrer, so ein Vorschlag, sollen von der Erteilung eines Ethikunterrichtes ausgeschlossen werden. Es brauche dafür ein eigenes Lehramtsstudium. Vor allem aber, eine andere Forderung, soll der Ethikunterricht für alle verpflichtend sein, also nicht nur für jene, die konfessionsfrei sind oder sich abgemeldet haben. Vor allem aber dürften die inhaltlichen Argumente für einen flächendeckenden und alle Schulstufen umfassenden Ethikunterricht als Opt-In-Fach ausschlaggebend sein, dass damit ein Fach geschaffen wird, das dem konfessionellen Religionsunterricht sprichwörtlich ein Überleben schwer machen wird.

So fasste Georg Gauß von der Bundes-Arbeitsgemeinschaft Ethik das Ziel von Ethikunterricht zusammen: „Das höchste Ziel ist ein verantwortungsvolles Handeln“, das in einem Ethikunterricht gelernt werden könnte, der gegenüber dem Religionsunterricht den „Vorteil“ habe, dass er konfessionsfrei ist und von verschiedenen Kirchen und Religionsgemeinschaften, Atheisten und Agnostikern gleichermaßen wahrgenommen werden kann“. Ethikunterricht stelle so einen „Mikrokosmos“ der Gesellschaft dar, etwas, was der konfessionelle Religionsunterricht nicht bieten könne.

Die Ausführungen von Peter Kügler in der Sonntagsausgabe der Tiroler Tageszeitung (3.2.2019) sind Hinweis dafür, was geschehen könnte, wenn ein verpflichtender Ethikunterricht als Schulfach eingeführt wird. Künftige Ethiklehrpersonen wären, so seine Sichtweise, jedenfalls nicht mehr jene, die auch Religion unterrichten. Ein ordentliches Lehramtsstudium wird angestrebt, wo Religion quasi draußen ist. Der Innsbrucker „Religionsphilosoph“ verrät mit unqualifizierten Seitenhieben, warum er für eine strikte Trennung von Religion und Ethik ist. Religionslehrer werden abfällig nicht als „Fachleute“ bezeichnet. Der Religionsunterricht sei kein geeigneter Ort, um über ethische Themen zu sprechen, weil dort „moralische Vorurteile“ gepflegt würden. Und dann wird von Kügler unverfroren aus der tiefsten Schublade der Vorurteile gegriffen und behauptet, im Religionsunterricht erführen die Schüler, dass Homosexualität Sünde sei und Kondome nicht verwendet werden dürften. Würde Kügler Ethikunterricht erteilen, so vermittelte er dort wohl dieses vorgestrige Weltbild. Oder noch schlimmer, soll es in der Ausbildung künftiger Ethiklehrer vermittelt werden? Gerne lade ich Peter Kügler ein, meinen Religionsunterricht zu besuchen. Dann könnte er nicht mehr solche abstrusen Behauptungen aufstellen. Leider arbeiten ihm auch alle jene in die Hände, die für die Zweigleisigkeit von Ethik- und Religionsunterricht eintreten.

Hegelsche „Aufhebung“ des Religionsunterrichtes

Wenn Hegel von „Aufhebung “ spricht, meint er nicht Abschaffung, sondern etwas wird in eine höhere Ebene hinein gehoben, wo es letztlich besser aufgehoben ist. Von einer solchen Aufhebung ist ein anderes Modell geprägt. In mehreren Beiträgen habe ich die Option für einen gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht bezogen, der viele Vorteile mit sich brächte. Darüber konnte ich bereits vor 10 Jahren  meine Masterthesis in kommunikativer Theologie schreiben. In Grundzügen entspricht dieses Modell jenem vom Salzburger Religionspädagogen Anton Bucher. Er spricht vom Fach „Ethik und Religionen“. Wenn dieses nicht umgesetzt würde, dann, so Bucher, könnte es wie in Luxemburg dazu kommen, dass Religion völlig aus der Schule herausfliege.[3] Dabei würde der bisherige konfessionelle Religionsunterrichte nicht abgeschafft, sondern zum einen könnten wesentliche Inhalte der religionspädagogischen Zielsetzungen in einem gemeinsamen Unterricht „aufgehoben“ werden, wo sie noch besser vermittelt werden könnten. Zum anderen würde auch der freiwillige konfessionelle Religionsunterricht, der zusätzlich angeboten werden könnte, davon profitieren.

Dieses Modell unterscheidet sich vom Konzept der „NEOS“ sowie der Initiative „Religion ist Privatsache“, die Religion und Ethik klar voneinander getrennt haben wollen und wo der Ethikunterricht letztlich den Religionsunterricht ablösen bzw. ersetzen soll.

Ein Pflichtfach Gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht wäre eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Für die Religionsgemeinschaften und Kirchen wäre es hilfreich, wenn alle Schülerinnen und Schüler eine fundierte Auseinandersetzung mit religiösen Inhalten bekommen würden. Gerade in religiösen Fragen grassieren Unwissenheit verbunden mit Vorurteilen, die oftmals in religionsfeindlichen Haltungen resultieren. Die Gefahren zu fundamentalistischen Entwicklungen sind dort gegeben, wo es mangelndes aufgeklärtes Wissen über Religionen gibt. Dann werden Images über Religionen gepflegt, die vorgestrig oder längst überholt sind. Da werden dann beispeilsweise die biblischen Schöpfungsberichte wie physikalische Ereignisse gesehen und als Gegensatz zur Evolutionslehre hingestellt. Religionen erscheinen so als irrational gefährliche Phänomene, die den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften nicht standhalten können.

Für einen gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht sprächen jedenfalls viele gute Gründe. Aus bildungspolitischer Sicht entspricht eine religiös-ethische Grundbildung für alle Schülerinnen und Schüler dem Zielparagraphen 2 des Schulorganisationsgesetzes. Die Heterogenität sowie die multireligiösen und multikulturellen Lebenswelten in den Schulklassen würden als Chance wahrgenommen. Der gemeinsame Religionen- und Ethikunterricht würde Integration und Inklusion verstärken sowie Differenzen nicht als Konfliktpotenzial begreifen. Gemeinsames interreligiöses und interkulturelles Lernen wäre möglich. Zum einen würde Ethik nicht mehr als eine Art „Ersatz“ deklassifiziert, zum anderen Religion nicht als eine Art ethikfreie Welt erscheinen. Der Zusammenhang zwischen religiöser und ethischer Bildung würde als Prinzip gelebt. Ethikunterricht wäre nicht anstelle von Religionsunterricht, sondern das Lernen über und von Religionen wäre Teil des Lernens über Ethik. Ein Ethikunterricht allein würde das Image haben: Ein Fach für „Gottlose“. Auch faktisch und mit Blick auf die Lehrpläne ist ein guter Religionsunterricht längst schon ein Religions- und Ethikunterricht geworden, der aber in sich den Mangel trägt, dass nicht alle daran teilnehmen können. Auch Konfessionsfreie haben Interesse, über Religionen zu lernen und alle würden Grundkenntnisse über Religionen erarbeiten können. Auch die vielzitierte Innenperspektive von religiös Eingebundenen würde nicht verschwinden, sondern könnte sich von SchülerInnenseite kommunikativ im Unterricht entfalten. In der Begegnung mit anderen wird die eigene Identität gestärkt und nicht vermischt. Über das gemeinsame Lernen über Religionsgrenzen hinaus haben viele Pädagoginnen und Pädagogen schon unzählige Bücher und Artikel geschrieben. Administrativ böte ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht ohnehin den großen Vorteil, dass die Klassen nicht mehr geteilt werden müssten. Die Zustimmung von Seiten aller Schulpartner vor Ort wäre jedenfalls gegeben. Die Zeit ist längst reif für einen solchen Unterricht.

Ein freiwilliger konfessioneller Unterricht würde damit nicht abgeschafft, sondern als Ergänzung weiter bestehen. Die Freiwilligkeit des konfessionellen Religionsunterrichtes würde jedenfalls dem Image von Religion nützen. Durch Beibehaltung des konfessionellen Religionsunterrichtes wäre dieses Modell auch konkordatskonform. Ein Gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht könnte sich logisch aus dem bisherigen Religionsunterricht bzw. aus dem bisherigen Schulversuch Ethik heraus entwickeln.

Schulorganisatorisch könnte ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht als Zweistundenfach im Regelunterricht stattfinden. Weder Ethik- noch Religionsunterricht als Alternativfächer würden als Randstunden abgedrängt. Ein solches Modell würde verhindern, dass Ethik- und Religionsunterricht als Konkurrenzfächer erscheinen.

Religionslehrer und Religionslehrerinnen wären für das Pflichtfach „Gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht“ mit entsprechenden Zusatzqualifikationen geeignete Pädagogen und Pädagoginnen, genauso wie bisher die Ethiklehrerinnen und Ethiklehrer – wobei auch dort an religionskundliche Weiterbildungen gedacht werden kann. Pädagogische Hochschulen sowie Universitäten könnten Pläne für entsprechende Aus- und Weiterbildungen entwerfen.

Klaus Heidegger, 3.2.2019

[1] Vgl.: http://www.klaus-heidegger.at/?p=3793, online 3.2.2019.

[2] Vgl.:  https://religion.orf.at/stories/2961405/, online 3.2.2019. Ebenso: Die FURCHE vom 31.1.2019.

[3] Zit.in: DIE FURCHE, 31.1.2019.

Kommentare

  1. Dass ein gemeinsamer Ethik- u Religionenunterricht aus gesellschaftlichen, politischen u religiösen Gründen nicht nur sinnvoll, sondern geboten ist leuchtet mir ein. Klaus Heidegger argumentiert dazu ausführlich, u grundsätzlich schließe ich mich seinem Gedankengang an. Ob der Religionen-spezifische u konfessionelle Unterricht dann aber noch zu halten wäre, bezweifle ich. Die Ablehnung eines solchen Modells von den für den RU Verantwortlichen dürfte auch in der Furcht vor einer Einebnung liegen – einerseits von Ethik u Religionen u andererseits vor der Gleichsetzung von Ethik u Religion. Dass diese Einwände eine intensive Auseinandersetzung mit der Position v Klaus Heidegger unmöglich machen sollten, wäre jedoch nicht nachvollziehbar – u. – m.E. unverantwortlich gegenüber den anstehenden Fragen von unsere Gesellschaft tragenden Grundwerten u. gegenseitigem religiösem Verstehen.

  2. Hallo,
    hier ist der angesprochene „Religionsphilosoph“. Ich dachte an den Katechismus der Katholischen Kirche (2357: Homosexualität als „schlimme Abirrung“) und die Enzyklika Humanae Vitae (16: Verbot empfängnisverhütender Mittel).
    Es freut mich, dass Sie sich als Religionslehrer nicht an die Lehre der Katholischen Kirche gebunden fühlen, aber dann sollten Sie vielleicht wirklich besser Ethik unterrichten (nach Absolvierung des betreffenden Lehramtsstudiums).
    Freundliche Grüße

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