Unqualifizierte Angriffe gegen einen gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht

Seit meinem Artikel in der Tiroler Tageszeitung Mitte Jänner 2019 hat sich auch öffentlich eine Debatte darüber entwickelt, wie ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht gestaltet werden könnte. Im Fokus der Auseinandersetzung stehen dabei folgende Grundfragen. 1.) Sind Religionslehrerinnen und Religionslehrer überhaupt geeignete „Fachleute“, um auch ethische Themen zu unterrichten. 2.) Sind ethische Themen relevant für einen Religionenunterricht. 3.) Werden in einem künftigen Ethikunterricht auch religiöse Werte eine Rolle spielen? 4.) Sind Religionslehrerinnen und Religionslehrer als Repräsentantinnen und Repräsentanten ihrer Religionsgemeinschaft mit einer kirchlichen Sendung nicht verpflichtet auf einen konfessionell eng begrenzte Religionsvermittlung?

1) Die Lehre der Kirche vertreten

Behauptung
Religionslehrerinnen und Religionslehrer hätten die Lehre der Kirche zu vertreten, wie sie sich in den Katechismusformulierungen findet. Deswegen auch müssten sie Positionen vertreten, die im Widerspruch zu einem aufgeklärten Denken stehen. So beispielsweise verurteile die Kirche laut KKK (Katechismus der Katholischen Kirche) die Homosexualität und künstliche Empfängnisverhütung. Wer heute aber verpflichtet ist, solche vorgestrigen Ansichten zu unterrichten, dürfe dies nur gegenüber jenen Schülerinnen und Schülern tun, die selbst überzeugt katholisch sind. Für einen Unterricht außerhalb des konfessionellen Unterrichts seien solche Lehrpersonen jedenfalls ungeeignet.

Widerrede
Die Lehre der Kirche umfasst so viel mehr als in sich und aus dem Zusammenhang gerissene widersprüchliche Zitate aus dem Katechismus, die zutiefst interpretationsbedürftig sind, nicht aber die Wesensmitte des katholischen Glaubens ausmachen. So mancher Kirchenkritiker macht es sich jedoch zu einfach, wenn er undifferenziert und pauschal ein Kirchenbild konstruiert, das so gar nicht mehr der Realität entspricht. Dies beginnt schon bei der Definition, was die Lehre der Kirche ist.

Im Zentrum kirchlicher Verkündigung steht jedenfalls die Freiheit des Evangeliums und die biblische Botschaft. Ein relatives Sola scriptura zählt offiziell dazu – das heißt, dass kirchliche Lehre sich stets an der Schrift orientieren muss. Daher ist es gerade im Religionsunterricht wichtig, sich ein gutes Schriftverständnis zu erarbeiten.

Meinen Schülerinnen und Schülern versuche ich aber noch etwas zu vermitteln. Kirche ist nicht gleichzusetzen mit Papst oder Bischof. Kirche ist zunächst immer auch im Lebensvollzug der Betroffenen – das heißt auch im Kontext der Schule – zu verorten. Dort ereignen sich die Grundfunktionen von Kirche von Diakonie, Martyria, Koinonia und Liturgie – und aus solchen Erfahrungen entwickelt sich eine Lehre, die von unten wächst. Ich nehme die Tatsache ernst, dass alle Getauften auch mit dem göttlichen Geist Gesalbte sind – insofern Prophetinnen und Propheten, was auch für die jungen Menschen zutrifft. Für sie gilt, was im Buch Joel steht und zu Pfingsten aufgebrochen ist: „Eure Söhne und Töchter werden Prophetinnen und Propheten sein, …“. Ich erlebe jedenfalls in meinem schulischen Alltag, wie Schülerinnen und Schüler von ihren Gotteserfahrungen erzählen, von der Art und Weise, wie sie Halt im Glauben finden und wie sie in Gemeinschaft Kirche erleben. Wenn solches Reden im schulischen Kontext gelingt, dann ist nicht nur die Kirche in Gestalt ihrer Dogmen und Codices Lehrmeisterin, dann bin nicht nur ich mit meinem Theologenwissen und als Religionspädagoge Lehrperson, sondern dann werden auch die Schülerinnen und Schüler füreinander Lehrpersonen.

2) Religionslehrerinnen und Religionslehrer als Expertinnen und Experten für Sexualethik

Behauptung
Lieblingsargument der Kirchenkritiker und Religionsunterrichtsgegner ist die angebliche sexualfeindliche Einstellung von Kirche und Bibel. Man bemüht das pauschale und stereotype Vorurteil, wonach die Bibel sexualfeindlich sei und demnach das Christentum als solches mit der Sexualität auf „Kriegsfuß“ stünde. Man will daher keinesfalls, dass in einem Ethikunterricht solche behaupteten sexualfeindlichen Positionen unterrichtet werden könnten. Die Lehre der katholischen Kirche zur Homosexualität wird mit einem längst überholten christlichen Fundamentalismus verwechselt, mit einem Weltbild, wie es der jüngste Kinofilm „Der verlorene Sohn“ verkörpert. Engstirnig und völlig undifferenziert wird die positive Bewertung von Sexualität, wie sie in den biblischen Schriften zu finden ist, übersehen.

Widerrede
Die ganze Geschöpflichkeit des Menschen – also auch seine Sexualität – wird in der Bibel als positive Grundgegebenheit gesehen: Es ist „sehr gut“ (Gen 1,31) heißt es im Schöpfungsbericht. Dieses „sehr gut“ gilt wohl auch für homosexuelle Veranlagungen. Im Ersten Testament ist der Gedanke der Ehelosigkeit, einer bewussten Enthaltung von der Ehe, gänzlich fremd. Ehelosigkeit wird im Gegenteil als „Strafe Gottes“ interpretiert und Ehe und Kinderzeugung werden als Erweis göttlicher Zuwendung gewertet. Auch dies ist ein Hinweis, für die prinzipiell positive Sichtweise von Sexualität. Im biblischen Buch „Hohelied der Liebe“ wird die ganze Unbefangenheit gegenüber Eros und Sexualität ausgedrückt. Die erotische Beziehung zwischen Freund und Freundin wird in eindrucksvoller und direkter Weise geschildert. Allerdings gibt es kulturelle Einschränkungen, wie und wo Sexualität ausgelebt wird. So werden außereheliche Geschlechtsbeziehungen abgelehnt. Solche Äußerungen sind aber letztlich kulturell und nicht theologisch bedingt. An manchen Stellen des Ersten Testaments gibt es Formulierungen, dass der Geschlechtsakt als etwas Unreines erscheint. (Vgl. Lev 15,16.18) Solche Reinheitsvorschriften sind jedoch zu erklären als bewusste Abkehr des Volkes Israel von Praktiken in der Umwelt wie dem Phänomen von kultischer Prostitution. Die positive Wertschätzung der Sexualität, die kennzeichnend für das Erste Testament ist, wird im Leben und der Botschaft von Jesus und seiner Jüngerinnen und Jünger weitergeführt. Die ersttestamentlichen Reinheitsvorschriften spielen im Neuen Testament keine Rolle mehr. Jesus und seine Bewegung setzen sich bewusst darüber hinweg. Im Zentrum steht das Liebesgebot. Die Liebe ist der letzte Maßstab – nicht äußere Gesetze! (Vgl. Mt 15,1-20) Von diesem Liebesgebot aus ist auch das Gebot von der „Unauflöslichkeit der Ehe“ zu werten. Es bekämpft das soziale Unrecht, das oft an Frauen geschehen war, die einfach aus der Ehe entlassen werden konnten. In aller Deutlichkeit betont Jesus die Gleichheit und Gleichwertigkeit der Frau in einer damals durch und durch patriarchalen Gesellschaft. Paulus war in vielen Aussagen ein „Kind seiner Zeit“: dennoch betonte er die Gleichwertigkeit von Mann und Frau. (Gal 3,28) Eine völlig neue Bewertung erfährt die Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“. Sie wird positiv gesehen. (Vgl. Mt 19,12) Sie ist jedoch nicht Resultat einer Leibfeindlichkeit, sondern prophetisches Zeichen für das Reich Gottes. Sexualfeindliche Einflüsse, die von außerhalb der Bibel kamen, haben leider die frühen christlichen Vorstellungen geprägt. Aristoteles ordnete die menschliche Sexualität der animalischen (tierischen) Schicht zu. Diese ist gegenüber der geistigen Schicht minderwertig. Mit diesem Gedanken prägte Aristoteles die abendländische Geschichte bis in die jüngste Vergangenheit.  Die Stoa forderte als Ideal die Verdrängung der Lust. Sexualität wird nur noch zum Zwecke der Fortpflanzung akzeptiert. Auch von dieser Richtung ließen sich Kirchenväter und Kirchenlehrer wie Augustinus prägen. Weitere hellenistische Einflüsse – wie Manichäismus und Neuplatonismus – verstärkten die sexualfeindlichen Tendenzen, die im Christentum Platz ergreifen konnten. Die positive Bejahung menschlicher Sexualität bzw. die Priorität des neutestamentlichen Liebesgebotes traten in den Hintergrund. Manche sexualfeindliche Normen und Sichtweisen finden sich nach wie vor in kirchlichen Stellungnahmen und Moralbüchern. Demgegenüber wird in einem Religionsunterricht heute wohl eine aufgeklärte christliche Sexualethik erarbeitet, die von einer Rückkehr zur biblischen Bejahung menschlicher Sexualität geprägt sein wird und wo die Betonung des Liebesgebotes vor objektiver Sexualmoral kommt. Der inkarnatorische Glaube von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus bedeutet die radikale Bejahung des ganzen Menschen. Humanwissenschaftliche Erkenntnisse sind Grundlage für christliche Sexualethik. Die Liebe ist oberstes Ziel und Maßstab der Sexualität. Dort, wo sich sexuelles Verhalten gegen die Liebe wendet, wird es unmoralisch. Umgekehrt werden Moralgebote, die sich gegen den Menschen richten, ungültig.

Empfängnisverhütung
Im Zentrum der kirchlichen Lehre in ethischen Frage steht immer die Orientierung am eigenen Gewissen. Dies betrifft gerade auch die Frage der Empfängnisverhütung. Schon unmittelbar nach der oftmals zitierten „Pillenenzyklika“ von Papst Paul VI. hatte sich die Österreichische Bischofskonferenz mit dem Begriff von der „verantworteten Elternschaft“ darauf geeignet, dass die Frage der Verwendung von künstlichen Empfängnisverhütungsmitteln in die Gewissensentscheidung der Betroffenen gelegt wird. Im Unterricht sage ich immer wieder, wie unverantwortlich es wäre, wenn ein Bursch nicht bereit ist, den Umgang mit Kondomen zu lernen, bevor er daran denkt, mit seiner Freundin zu „schlafen“. Ich bin davon überzeugt, dass dies genau auch der kirchlichen Lehre entspricht.

Homosexualität
Religionsprofessoren sind auch Vertreter des kirchlichen Lehramtes. Martin Lintner, Professor für Moraltheologie in Brixen, hat bereits vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel „Den Eros entgiften“ geschrieben. Mit diesem Titel greift er die Kritik von Friedrich Nietzsche auf, der meinte: „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: – er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster.“ In besonderer Weise ist jener Eros vergiftet worden, der sich auf gleichgeschlechtlich Liebende bezieht. Die römisch-katholische Kirche hat sich bei dieser Giftmischerei in der Geschichte vielfach schuldig gemacht. Auch heute noch mixt so mancher zumindest im Hintergrund seine Giftfläschchen und bedient sich dabei längst überholter Textpassagen aus dem Weltkatechismus, der Instruktion zur Priesterausbildung, mittelalterlicher Beichtspiegel oder einer fundamentalistisch-verengten Bibelinterpretation. Umso mehr braucht es daher ein zeitgemäßes Reden und Handeln der Verantwortlichen der Kirche und eine Praxis in den kirchlichen Gemeinden sowie eine Verkündigung, die geprägt ist von Achtsamkeit gegenüber Homosexuellen. Hier ist auch der Religionsunterricht herausgefordert. Jedes kirchliche Moralbuch wird damit übereinstimmen: Eros und Sexualität dienen den Menschen, um so Liebe und Partnerschaft erfahren zu können. Sie sind gut, wenn sie mit Liebe und Partnerschaft verknüpft werden, sie werden missbraucht, wenn sie egoistischer Triebbefriedigung dienen. In den biblischen Schriften gibt es nur wenige Stellen, die sich überhaupt explizit über Homosexualität äußern. Wo in der Bibel ausdrücklich Homosexualität genannt wird, geht es um homosexuelle Handlungen von Männern, die nicht auf der Basis von Liebe sind, sondern beispielsweise mit Lustknaben und Prostitution zu tun haben. Die Frage lesbischer Beziehungen wird an keiner Stelle ausdrücklich thematisiert. Zugleich aber – und dafür steht beispielsweise die Beziehung zwischen David und Jonatan – werden gleichgeschlechtlich Liebende nicht verurteilt. Ein kritischer Blick auf die Bibel zeigt somit, dass die Behauptung, in der Bibel würde Homosexualität verurteilt, nicht haltbar ist. In den Schriften des Neuen Testaments finden wir lediglich in den Briefen des Apostels Paulus Hinweise zur Homosexualität, während in den Evangelien dies kein Thema ist. Auch in den paulinischen Texten geht es aber entweder um sexuelle Ausbeutung und Entartungen mit Lustknaben – heute würden wir von Pädophilie sprechen – oder um kulturell bedingte Reinheitssituationen. Das Vorzeichen der paulinischen Schriften lautet in dieser Frage aber wohl: „Der Leib ist ein Tempel Gottes!“ Dies heißt auch: Im Eros und der menschlichen Sexualität können sich göttliche Qualitäten manifestieren. Die spärlichen biblischen Aussagen über Homosexualität bei Männern dürfen keinesfalls wortwörtlich gedeutet werden, was den biblischen Texten nicht gerecht würde. Gerade bei diesen Stellen ist eine historisch-kritische Exegese notwendig. Wo also von Homosexualität in der Bibel die Rede ist, geht es nicht um Liebesbeziehungen, sondern um das Thema kultureller Reinheit oder um die Frage von Tempelprostitution in nicht-jüdischen Kulturkreisen. Würde beispielsweise die Bibel wortwörtlich genommen werden, so müsste ja mit Bezug auf eine Stelle im Buch Leviticus 20,13 („Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft.“) für Homosexuelle die Todesstrafe vollzogen werden. Zur Zeit der Abfassung solcher Passagen gab es kein medizinisch-psychologisches Wissen über das Faktum natürlicher sexueller Veranlagungen. Dies trifft auch auf eine jahrhundertelange Interpretation solcher Stellen zu. Heute wüsste man es besser, dass Homosexualität in gewisser Weise Bestandteil der menschlichen Natur ist – also letztlich in der Sprache der Kirchen – ein Bestandteil der göttlichen Schöpfungsordnung. Wer diesen Terminus benützt, dürfte ihn heute nicht mehr gegen Homosexualität richten.

Im Religionsunterricht und in der Verkündigung können wir heute auch mit Blick auf die Bibel und die größere Lehre der Kirche jene Stelle im Weltkatechismus korrigieren, die zwar die Notwendigkeit der Achtung gegenüber Homosexuellen einfordert, dann aber zugleich zur Enthaltsamkeit auffordert und homosexuelle Handlungen verurteilt. Dort heißt es: „Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie (die Homosexualität) als schlimme Abirrung bezeichnet, hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind‘.“ (KKK 2357) Und weiters: „Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung … können und sollen sie sich … der christlichen Vollkommenheit annähern.“ (KKK 2359)

Papst Franziskus hatte im Sommer 2017 nach seiner Irlandreise gemeint: Stille und Schweigen sei in Sachen Homosexualität der falsche Weg, auch wenn es in diesem Bereich innerhalb der katholischen Kirche Polarisierungen gibt. Wörtlich meinte er zu den Eltern, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch sei: „Aber ich würde nie sagen, dass Stille ein Heilmittel ist. Einen Sohn oder eine Tochter mit homosexuellen Tendenzen zu ignorieren, ist ein Mangel an Väterlichkeit oder Mütterlichkeit. Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter, so wie du bist! Ich bin dein Vater, deine Mutter. Lass uns reden! Und wenn du, Vater und Mutter, nicht dazu fähig bist, frag um Hilfe. Aber immer im Dialog, denn dieser Sohn oder diese Tochter hat das Recht auf eine Familie und nicht aus dieser herausgejagt zu werden. Das ist eine ernste Herausforderung, aber das macht Väterlichkeit und Mütterlichkeit aus.“ Schon etwas früher hatte Papst Franziskus auf die Frage nach einer Positionierung zur Homosexualität gemeint: „Wer bin ich, andere zu verurteilen?“ Es gibt auch andere vatikanische Dokumente, aus denen eine positive Bewertung der Homosexualität abgeleitet werden könnte, wie das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus. Dort steht, dass die erste Option für alle Entscheidungen immer die Liebe sein so

3) Missio Canonica und ihre Bedeutung

Behauptung
Skurriler Weise wurde ich von einem, der sich der Kirche gegenüber besonders distanziert verhält, weil er einige ihrer überholten Sätze für das Wesen der Kirche hinstellt, gemaßregelt. Ich würde mich nicht dem Diktat der missio canonica, also der kirchlichen Lehrbefähigung, unterwerfen. Im Religionsunterricht sei ich daran gebunden, die Katechismussätze zu unterrichten.

Widerrede
Tatsächlich gibt mir die Missio den Auftrag, mit den Schülerinnen und Schülern an – wie es der Zielparagraph des Schulorganisationsgesetzes vorsieht – der ethisch-religiösen Bildung zu arbeiten. Seit einigen Jahrzehnten schon zählt es zu den religionspädagogischen Grundsätzen, dass Religionsunterricht nicht Konfessionskunde ist.

4) Ethik ist kein religionsneutrales Fach, Religion ist kein ethikfreies Fach

In meinen Beiträgen habe ich versucht zu argumentieren, dass zwischen Religion und Ethik eine große Schnittmenge besteht, die im Unterrichtsgeschehen stets präsent sein kann. Mein Plädoyer lautet, Religion und Ethik nicht zu trennen. Fakt ist jedenfalls, dass in jedem guten Ethikunterricht eine Auseinandersetzung mit religiösen Grundwerten stattfinden wird. Die Schnittmenge zwischen dem, was in einem Religionsunterricht vermittelt wird, und den Inhalten eines Ethikunterrichtes ist sehr groß. Durch die freie Wahl „Religion oder Ethik“ könnte zumindest indirekt der Eindruck entstehen, als könnte Religion ohne Ethik auskommen oder als würden im Religionsunterricht die ethischen Fragen keine Rolle spielen. Religiöses Handeln ist immer zugleich ethisches Handeln. Im Tun der Menschen und ihrer Organisationen offenbart sich erst die Religion. Der Glaube manifestiert sich in der Praxis. Man kann nicht über Jesus reden, ohne auch über Politik ins Gespräch zu kommen. „Ein Blick in die Bibel zeigt: Auch Jesus ist hochpolitisch.“ So formulierte es der Vorarlberger Bischof Benno Elbs, als er die Caritas gegen die FPÖ-Kritik in Schutz nahm. Wo versucht wird, der Religion die Ethik zu entziehen, entstehen die religiösen Fundamentalismen. Ein Religionsunterricht ohne Ethik wäre das, was der Pius-Bruderschaft mit ihrer voraufklärerischen Fundamentalmoral vorschwebt. Ein Religionsunterricht ohne Ethik wäre blutentleert – genauso wie ein Ethikunterricht ohne die Auseinandersetzung mit den Religionen.

Klaus Heidegger, 25.2.2019

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