Religiös-ethische Zweigleisigkeit auf Schiene gebracht

Zweigleisigkeit von Ethik- und Religionsunterricht

Stolz präsentierten in türkis-blauer Eintracht Kanzler mit Vizekanzler und Bildungsminister den neuen Plan für einen verpflichtenden Ethikunterricht. Dass dies gerade am Faschingsdienstag geschah, mag wie ein üble Ironie für jene sein, die sich anderes erhofft hatten. Um im Bild der Schiene zu bleiben, passt folgende Metapher. Ein Oberstufenschüler oder eine Oberstufenschülerin muss nun ab dem Schuljahr 2020/21 in Österreich die Entscheidung treffen: Steige ich in den Zug mit dem Namen „Ethikunterricht“ oder wähle ich einen der Züge mit dem Namen „Religion“? Letztere Züglein werden teils sehr klein und aus organisatorischen Gründen verspätet am Nachmittag abfahren, sodass die Wahl für einen Ethikunterricht wohl attraktiver sein wird, noch dazu, wo dort doch die „lässigen“ ethischen Themen behandelt werden und überhaupt: Im Ethikunterricht sitzen vielleicht mehr Mitschülerinnen und Mitschüler und es wird ja gesagt, dass dort die Vernunft eine Rolle spiele und nicht die unvernünftigen Glaubenssachen und vorgestrige Moral den Unterricht bestimmten. Ethik ist cool, Religion ist out, weil das, was die Schülerinnen und Schüler zunächst interessiert, doch ethischer Natur ist. Die Zuschreibungen von außen für die konfessionellen Züge sind stereotyp. Im Katholenzug unterrichtet ein Pfarrer mit Talar (Vorsicht!). Dort riecht es nach Weihrauch und man lernt, den Rosenkranz zu beten. Im lutherischen Zug ist Bibelunterweisung Programm. Auf den Teppichen des Muslimzuges lernt man die Suren des Koran auswendig. Klar ist auch, wer dem Ethikzug zugeteilt wird: All jene ohne Religionsbekenntnis. Man könnte auch sagen: Der Atheistenzug. Haben Konfessionsfreie kein Interesse an religiösen Fragestellungen? Oder anders gefragt: Ist nicht für alle eine aufgeklärte religiöse Grundbildung notwendig und laut Schulorganisationsgesetz vorgeschrieben – gerade für jene auch, die außerschulisch bisher wenig religiöse Bildung erhielten? Werden diese jungen Menschen nicht fehlen in jenen Zügen, wo die Konfessionellen zugeteilt werden, soweit sie sich dieser Zuordnung nicht entziehen? Ob sich die Konfessionellen überhaupt vom Religionszug abmelden müssen, ob es also eine sogenannte Opt-in-Variante gibt, bei der sie sich frei und ohne die 5-Tage-Abmeldefrist für einen Ethikunterricht entscheiden könnten, ist noch nicht klar geregelt.

Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter

Wer die professionellen Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sein werden, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Schon treten jene auf den Plan, die ausgebildete Religionslehrkräfte jedenfalls nicht als Fachkräfte für einen Ethikunterricht sehen, weil jene doch ideologisch kleinkariert und unvernünftig wären.

Religion und Ethik nicht trennen

In meinen Beiträgen habe ich versucht zu argumentieren, dass zwischen Religion und Ethik eine große Schnittmenge besteht, die im Unterrichtsgeschehen stets präsent sein kann. Mein Plädoyer lautet, Religion und Ethik nicht zu trennen. Fakt ist jedenfalls, dass in jedem guten Ethikunterricht eine Auseinandersetzung mit religiösen Grundwerten stattfinden wird. Die Schnittmenge zwischen dem, was in einem Religionsunterricht vermittelt wird, und den Inhalten eines Ethikunterrichtes ist groß. Durch die freie Wahl „Religion oder Ethik“ könnte zumindest indirekt der Eindruck entstehen, als könnte Religion ohne Ethik auskommen oder als würden im Religionsunterricht die ethischen Fragen keine Rolle spielen. Religiöses Handeln ist immer zugleich ethisches Handeln. Im Tun der Menschen und ihrer Organisationen offenbart sich erst die Religion. Der Glaube manifestiert sich in der Praxis. Man kann nicht über Jesus reden, ohne auch über Politik ins Gespräch zu kommen. Wo versucht wird, der Religion die Ethik zu entziehen, entstehen die religiösen Fundamentalismen. Ein Religionsunterricht ohne Ethik käme freilich all jenen entgegen, die sich stets infrage gestellt fühlen, wenn aus religiös-ethischer Sicht politische Vorgänge kritisiert werden. Ein Religionsunterricht ohne Ethik wäre blutentleert – genauso wie ein Ethikunterricht ohne die Auseinandersetzung mit den Religionen.

Interreligiöser und inklusiver Religionen- und Ethikunterricht als zeitgemäße Antwort

Was wir bräuchten, ist eine religiös-ethisches Fach ohne die Falle entweder Religion oder Ethik. Die Schulklassen sind konfessionell schon längst nicht mehr homogen. Dies bringt zum einen schulorganisatorisch große Probleme mit sich. Eine Klasse wird x-fach segmentiert in solche Schülerinnen und Schüler, die keiner Religionsgemeinschaft angehören – in Hinkunft würden sie genauso wie die vom Religionsunterricht Abgemeldeten automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt – und solche, die sich in zunehmend kleiner werdenden konfessionellen Unterrichtsgruppen aufteilen. Diese Segmentierung einer Klasse geschieht gerade dort, wo es den Erfahrungsreichtum eines gemeinsamen interreligiösen und kulturellen Lernens bräuchte.

Es gäbe die Alternative eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichtes. Er würde nicht das Image einer Konfessionskunde haben, was auch der Religionsunterricht schon längst nicht mehr ist. Er würde gemeinsames interreligiöses und ethisches Lernen in den Schulklassen ermöglichen und erfüllte damit die notwendige Funktion von Inklusion und Integration. Er würde nicht die Themen Ethik und Religionen trennen, weil beide Bereiche wesentlich zusammen gedacht werden müssen. Er würde auch von den Religionspädagoginnen und -pädagogen oder Philosophielehrerinnen und -lehren unterrichtet werden können, die eine mehrjährige theologisch-philosophisch-ethische universitäre Ausbildung erhalten haben, was jedenfalls wesentlich mehr ist als die Zusatzausbildungen, die für künftige Ethiklehrerinnen und -lehrer angeboten werden sollen.

Der gemeinsame Religionen- und Ethikunterricht hätte keinerlei konfessionalistische Engführung und würde daher der Religionsfreiheit nicht widersprechen, da in ihm keine Indoktrination in ein bestimmtes Glaubenssystem stattfindet, sondern ein allgemeinbildendes Miteinanderlernen von religiös-ethisch-philosophischen Grundfragen. Eine Klasse würde nicht geteilt in vermeintlich religiöse und vermeintlich unreligiöse Schülerinnen und Schüler, sondern alle könnten miteinander lernen. Damit würden auch jene vielen Fragen aufgegriffen werden, die gegenwärtig so brennend sind: Wie geschieht Integration gerade unter dem Vorzeichen von religiöser Pluralität? Praktisch gesehen gäbe es auch ein Zweistundenfach. Würde es eine Wahl zwischen einem zugleich vielfach in Konfessionen und Religionsgemeinschaften aufgesplitterten Religionsunterricht und einem Ethikunterricht geben, so wäre es wahrscheinlich in beiden Fällen nur mehr ein Einstundenfach, was pädagogisch zweifelhaft ist.

Eine andere Zugwahl wäre möglich gewesen. Ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht, den alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend besuchen. Aufgrund ihrer theologisch-ethischen sowie pädagogischen Ausbildung und auch ihrer Verankerung in den Religionen sind die bisherigen Lehrkräfte in Religion dafür geeignete und kompetente Pädagoginnen und Pädagogen. Längst schon sind die Lehrpläne des Religionsunterrichtes und die bildungspolitischen Vorgaben so gestaltet, dass es in einem konfessionellen Religionsunterricht nicht um Konfessionskunde geht, sondern um ein Miteinanderlernen an den ethischen Herausforderungen, für die gerade die Religionen wertvolle Lösungsangebote bieten. Die aktuellen Statistiken des Kirchenaustritts sind ein Indikator dafür, dass immer weniger Kinder und Jugendliche mit einem selbstverständlichen Wissen über die Religionen aufwachsen. Mangelndes Wissen über Religionen führt zu Vorurteilen. Es ist auch das Recht der Schülerinnen und Schüler ohne Religionsbekenntnis, dass sie sich mit den zentralen Inhalten der Religionen auseinander setzen können.

Dr. Klaus Heidegger, Religionslehrer an einem Oberstufenrealgymnasium, 5. März 2019

Kommentare

  1. Ernst Cassierer hat die Religion als gleichwertiges Symbolsystem neben Wissenschaften, Künsten, Recht u.a. Kultur-Leistungen des Menschen gesehen; als gleichwertige Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Dies – im separaten – Ethik-Unterricht mehr o weniger auszuschließen, heißt für mich, Jugendlichen eine über viele Jahrtausende gewachsene Zugehens- u Erkenntnisweise der Wirklichkeit vorzuenthalten. Das bedeutet enorme Verarmung u Verflachung u ist für mich vergleichbar dem willkürlichen Herausschneiden von Genen aus dem DNA-Strang. Dass zur religiösen Bildung auch religiöse Feiern u soziales Engagement gehören, welche die intellektuelle Auseinandersetzung um elementare Bereiche ergänzen, kommt in diesem Schreiben zwar zu kurz, hat Dr. Heidegger aber andernorts deutlich zum Ausdruck gebracht. Hier gäbe es für Jugendliche verschiedener Konfessionen u Glaubens u für sich Atheisten u Agnostiker Nennende sehr viel zu lernen.

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