Das Leid der Menschen und die Allmacht des Göttlichen

(zum Evangelium vom 3. Fastensonntag, Lk 13,1-9)

Das unermessliche Leid

Im Evangelium vom 3. Fastensonntag hören und lesen wir, wie Jesus auf die Erzählungen der „Leute“ reagiert, die von zwei Ereignissen zutiefst betroffen sind. Erstens gab es ein Massaker an Galiläern, das vom Despoten Pilatus angeordnet worden war. Einmal mehr wird in dieser historischen Angabe die ganze Brutalität des römischen Statthalters deutlich. Das Blut der Galiläer soll sich sogar mit dem Opferblut der Tiere vermischt haben. Zweitens stürzte in der Ortschaft Schiloach ein Turm ein und 18 Menschen wurden dabei erschlagen. Können diese Ereignisse als Strafe Gottes gesehen werden? Im gläubigen Umfeld Jesu gab es teilweise ein Erklärungsschema von Tat-Wirkung. Wer ein Unglück erlitt, den bestrafte wohl Gott, weil er gesündigt hatte. Ähnlich argumentierten beispielsweise die Freunde des Ijob, als diesen schwere Schicksalsschläge heimsuchten. Jesus weist solche Interpretationen klar zurück. Leid ist weder Wille Gottes und schon gar nicht eine göttliche Strafsanktion.

Im Heute unserer Welt finden wir viel Leid. Die vergangenen Tage waren geprägt von Nachrichten und Meldungen über schreckliche Gewalttaten. In Neuseeland wurden 50 Muslime und Musliminnen massakriert. Es macht uns auch betroffen, wenn Menschen durch einen Unfall so plötzlich aus dem Leben gerissen werden und Kinder und Lebenspartner ihre Mama oder ihren Papa verlieren. Die Frage lautet dann oft: „Wie kann Gott so etwas zulassen?“ „Wo ist Gott angesichts von so viel Leid?“

Die Theodizeefrage

Theodizee bedeutet die Rechtfertigung Gottes angesichts der Existenz von Übel und Leid. Es ist eine Frage, die sich vor allem junge Menschen immer wieder stellen und die im Religionsunterricht ausführlich zur Sprache kommt. Nach einem schweren Unglück oder einer Katastrophe wird gefragt: Kann es überhaupt einen Gott geben, wenn es so viel Leid und Übel gibt?

Die Rechtfertigung Gottes ist deswegen notwendig, weil drei Behauptungen der klassischen Theologie miteinander logisch unvereinbar zu sein scheinen: 1.: Gott ist allmächtig. 2.: Gott ist gütig. 3.: Es gibt Leid. Ein allmächtiger Gott müsste doch das Leid seiner Geschöpfe verhindern können und ein gütiger Gott würde dies auch. Gäbe es somit einen gütigen und allmächtigen Gott, dann dürfte es kein Leid auf dieser Welt geben. Da es aber das Leid gibt, gibt es offensichtlich einen solchen Gott nicht, lautet eine Schlussfolgerung.

Gott gibt es nicht

Auch im Kontext Schule höre ich immer wieder das atheistische Argument: Es kann keinen Gott geben, weil es so viel Leid gibt. Georg Büchner bezeichnete daher das ungelöste Theodizee-Problem als „Fels des Atheismus“. Wer als Atheist davon ausgeht, dass es Gott nicht gibt, für den stellt sich auch nicht mehr das Problem der Theodizee, sondern nur mehr das Problem des Leids bzw. des Umgangs damit.

Gott ist nicht nur gütig, sondern auch strafend

Die Aufgabe der Prämisse von der Güte Gottes widerspräche genauso dem biblischen Verständnis Gottes wie auch dem Gottesverständnis im Islam, wo Allah immer wieder mit Barmherzigkeit identifiziert wird.

Gott ist nicht allmächtig

Ein Denken, dass Gott eben nicht allmächtig sei, gab es bereits in philosophischen Strömungen zur Zeit Jesu, vor allem im Manichäismus. Der gute Gott stehe im kosmischen Kampf gegen einen bösen Antipoden. Der gute Gott verfüge nicht über die Macht, die Kräfte des Bösen einfach zu eliminieren, auch wenn es eine Hoffnung auf einen endgültigen Sieg des Guten gibt. Der Theologe Marcion aus dem 2. Jahrhundert behauptete, es gäbe einen Antagonismus zwischen dem bösen Schöpfergott und dem guten Erlösergott. Dualistische Vorstellungen tauchten immer auch mit dem christlichen Teufelsgauben auf.

Eine andere Richtung, die die Allmacht Gottes begrenzt, ist Sicht von Gott als Demiurgen, der die Welt zwar geschaffen hat, sie aber dann in die Eigenständigkeit entlässt. Gott hat keinerlei Möglichkeit mehr, zwingend auf die Materie einzuwirken. Doch unter Gottes inspirierender Einwirkung vermag sie sich zu organisieren und dabei allmählich immer höhere und komplexere Existenzformen anzunehmen.

Leid als Folge des freien Willens

Die sogenannte „Free-Will-Defence“-Argumentation lautet wie folgt: Wenn Gott freie Wesen erschafft, dann muss er in Kauf nehmen, dass diese sich freiwillig zu sittlich bösen Handlungen entscheiden. Wollte Gott eine Entscheidung zum Bösen jedes Mal verhindern, was er aufgrund seiner Allmacht könnte, dann wäre die Freiheit des Menschen erheblich eingeschränkt, ja als sittlich relevante Freiheit aufgehoben.

Gott ist keine theoretisch abstrakte Größe, sondern subjektiv erfahrbar

Die Theodizeefrage führt letztlich immer zur Frage, wer und wie Gott ist. Gott ist zunächst keine Theorie, ist zunächst auch keine objektivierbare Größe und kein abstraktes Konstrukt. Gott ist zuallererst eine unmittelbare subjektive Erfahrung. Ich erfahre Gott: solche Erfahrung bedingt meinen Glauben. Gott begegnet mir, Gott ergreift mich, Gott stellt sich mir: das ist ein subjektives Erleben. Rein spekulativ wird mir Gott nicht begegnen.

Ich bin mit dieser Erfahrung jedoch nicht allein. Viele Menschen machen die gleiche Erfahrung. So wird Gotteserfahrung objektivierbar. Das ganze Volk Israel macht als Volk die Erfahrung eines Gottes, der befreiend in die Geschichte einwirkt. Wieder ist es keine Theorie. Die Erfahrung der Unterdrückung im „Sklavenhaus Ägyptens“ war real  – genauso wie die Erfahrung des Auszugs. Gott wird als ein Gott, der erfahrbar ist, zugleich beweisbar: Die Wirkungen Gottes sind greifbar, fassbar, belegbar. Ich kann Gott „ertasten“, wie es der Apostel Paulus in seiner Areopagrede formulierte.

Für uns Christinnen und Christen ist der erste Schlüssel zur Lösung der Theodizeefrage nicht die Philosophie, sondern der Blick auf die Jesusgeschichte: In Jesus und seiner Bewegung wird ein Gott erfahrbar, der das Leid der Menschen sieht, annimmt und zur Überwindung beiträgt. Jesus wird als Heiland erfahren, der sich gerade jenen Menschen zuwendet, die in Not sind: den Kranken, den Bettlern oder den Aussätzigen.

Die biblischen Erfahrungen zeigen, dass Gott Menschen befähigt, gegen das Leid anzukämpfen: Jahwe gab den Hebammen Schiphra und Pua, Mirjam, Aaron und Mose die Kraft, das versklavte Volk in die Befreiung zu führen. In Jesus wird wieder ein Gott erfahrbar, von dem es bereits zu Beginn des Buches Exodus heißt: „Ich habe das Schreien meines Volkes gehört.“

Das jüdische Volk erlitt in der Shoah das schlimmste Schicksal in der ganzen Menschheitsgeschichte. Die Frage, wo Gott in Auschwitz war, hat Elie Wiesel mit einer Geschichte auf den Punkt gebracht. Eli Wiesel schreibt, dass ein KZ-Aufseher einen Knaben an den Galgen brachte, der dann langsam qualvoll erstickte. Einer, der dabei stand, lästerte mit den Worten: „Wo ist nun euer Gott.“ „Dort am Galgen ist Gott“, habe jemand geantwortet.

Gott will das Leid nicht

Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti brachte mit wenigen Worten zum Ausdruck, wie heute die Theodizeefrage gelöst werden muss. Er dichtete:

„dem Herrn unserem Gott hat es ganz und gar nicht gefallen, dass gustav e. lips durch einen Verkehrsunfall starb/
erstens war er zu jung, zweitens seiner Frau ein zärtlicher Mann, drittens zwei Kindern ein lustiger Vater, viertens den Freunden ein guter Freund, fünftens erfüllt von vielen Ideen/
dem Herrn unserem Gott hat es ganz und gar nicht gefallen, dass einige von euch dachten, es habe ihm solches gefallen.“

Dieses Motiv wird in der Bibel zentral in der Gestalt des Ijob entfaltet. Von ihm können wir lernen, dass Gott auch des Menschen Protest gegen das Leid respektiert und sich schließlich doch als sein Schöpfer manifestiert, der ihn vom Leid erlöst.

Das Handeln Gottes gerade in den Erfahrungen des Leids geht immer durch uns Menschen. Gott ist allmächtig in der Art und Weise, wie Menschen a) sich aktiv gegen das Leid einsetzen, b) einander stützen und stärken, wo Menschen Leid erfahren. Gott erweist sich letztlich nicht als launisch-apathischer Willkürgott, sondern als ein Gott der rettenden Liebe, die sich im Tun und Handeln der Menschen manifestiert. Der heutige Festtag des Hl. Oscar Romero ist die bleibend gültige Antwort, wie wir mit Leid und Unterdrückung umgehen müssen. Im gewaltfreien Widerstand gegen das Böse.

Klaus Heidegger, am Festtag des Hl. Oscar Romero, 24.3.2019

 

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