Karfreitagsblick und Karfreitagsgefühl

Die Freitags-3-Uhr-Glocken schweigen heute. Ich habe sie im letzten Jahr besonders lieb gewonnen. Es war immer die Zeit nach Schulschluss vor dem Wochenende. Das Glockgengeläut erzählte von Auferstehung und Auferweckung. Die helle Glocke vom Turm der Karlskirche schenkte Hoffnung das ganze Jahr über. Sie übertönte selbst den Lärm der nahen Autobahn. Fridays for Future ist ein weiterer Code für Auferstehung geworden, der symbolisch passend an Freitagen stattfindet. Greta Thunberg hat viele aufgeweckt. Abertausende sind aufgestanden.

Heute, Karfreitag, gibt es kein Glockengeläut: nur Stille und Leid spüren. Kein Auferstehungsgefühl. Ich will lenken den Blick auf jenen, der an diesem Tag gequält, entblößt, verspottet, gedemütigt, missbraucht und grausam hingerichtet worden ist. Es ist eine Blickrichtung, die wegführt vom Beschäftigtsein mit eigenen unerfüllten und unerfüllbaren Sehnsüchten. Mit Blickrichtung Kreuz verschieben sich die Dimensionen. Es ist eine Blickrichtung, die freimachen soll für ein Aufstehen gegen das vielfache Leid in der Welt. Ich bin nicht wichtig für mich, sondern für andere und im Einsatz für eine bessere Welt.

Ein Bild vom Religionsbuch, der Gnadenstuhl von Walter Zacharias, kommt mir in den Sinn. Ich baue es nach. Ich hole vom Garten zwei Bretter. Verwittert sind sie und aus dem Leben genommen. Eines ist noch voller Erde. Gott hat sich mit dieser Erde dreckig gemacht. Es ist ein heruntergkommener Gott. Unter einem der alt-verwitterten Bretter hatten sich Käfer versteckt. Mit Längsbalken und Querbalken bilde ich ein lateinisches Kreuz. Es ist die Verbindung von Himmel und Erde in der Vertikale, die Verbindung von Gott und Erde, wobei Gott nicht die Kraft da oben ist, sondern stets die dynamische Verbindung von oben und unten und unten und oben. Es ist in der Horizontale die Verbindung von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Welt, wobei gerade in dieser Verbindung sich die Vertikale in einer kraftvollen Mitte mit der Horizontale verbindet. Ich bastle Gott. Ein Draht zu einem Kreis geformt, mit gold-gelbenem Seidentuch umwickelt. Es ist die Unendlichkeit der göttlichen Strahlkraft, ohne Anfang und Ende und zugleich immer neu im Anfang, wie im Anfang der Schöpfung. Gott ist in der Dynamik des Kreuzes zu finden und die göttliche Geistkraft sitzt als Taube im Schnittpunkt der Achsen. Die Natur kennt keine Kreuzesform. Kreuz in diesem Sinne ist übernatürliches Geschehen. Da treffen sich Transzendenz und Immanenz und verschmelzen zu Einem im Augenblick des Daseins. Unter der Mitte eine Astgabel, so wie kennzeichnend für Bäume sind. Der sich gabelnde Zweig steht auch für den Gekreuzigten und seine Arme, die sich im Geschehen des Kreuzes dem Geist und Gott entgegen strecken – und zugleich sind es Gott und Geist, die sich den ausgestreckten Armen zubewegen. Ich habe nur exemplarisch aus der heutigen Zeitung einen Teil herausgerissen. Abertausende Zeitungsmeldungen könnte ich mit Nägeln an dieses Kreuz heften. Von Bootsflüchtlingen, die im Mittelmeer die Arme den Rettern auf den noch verbliebenen Rettungsbooten entgegenstrecken. Zu viele sind schon ertrunken. Von Kindern, die ihre Arme nach den Vätern und Müttern strecken, die sie in blutigen Kriegen längst schon verloren haben. Die emporgestreckten Arme sind allgegenwärtig und ihr Ruf lässt erschaudern: Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen?

Klaus Heidegger, Karfreitag 2019

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