„…ein Licht geht auf, ich geh‘ nach Haus“: Der Heilige Martin als Bischof der Bettler und Kriegsdienstgegner  


Eine Kirche der Armen und auf Seiten der Armen

Von Sigmunda May stammt ein sehr berührender Holzschnitt. Darin wird der Heilige Martin mit Mitra und bischöflichem Umhang dargestellt, den er ganz liebevoll und schützend um einen nackten Bettler legt. Dieser schmiegt sich in die angebotene Geborgenheit. Um ihm ganz Schutz zu geben, stellt sich Martin noch etwas auf die Zehenspitzen und legt einen Arm auf die Schultern des Hilfsbedürftigen. Am auffälligsten sind allerdings die Augen. Bischof Martin hat einen Blick für das, was der bittende Mensch von ihm braucht, die Augen des Bettlers wiederum sind voll Zuversicht und Hoffnung, dass ihm Recht geschehen wird. Die beiden Personen sind wie verschmolzen durch diesen Akt der Barmherzigkeit, wobei in dieser Einheit plötzlich beide sich zu beschenken scheinen. Auch der arme Bettler wird zur Person, die dem Martin Wärme schenken kann. Auch Martin wird in seinem Schenken und Teilen zum Beschenkten. Martin ist in dieser Darstellung der Prototyp für eine christliche Existenz und Verkörperung einer jesuanischen Lebensweise, in der das allerwichtigste sichtbar wird: Die Liebe zu jenen Menschen, die Hilfe und Schutz brauchen. Insofern kann der Heilige Martin wohl als Patron der Bettler bezeichnet werden.

Es fällt in meinem Lebensumfeld nicht schwer, sich die Gestalt des Martin immer wieder als Ansporn und Inspiration in Erinnerung zu rufen. Viele Kapellen in der Umgebung haben ihn als Patron. Ich denke beispielsweise an die kleine Kirche in Gnadenwald, die mir besonders ans Herz gewachsen ist. Die Fresken erzählen von der Geschichte des Heiligen und eine Statue zeigt ihn als Bischof, die andere Statue stellt ihn traditionell als reitenden römischen Soldaten dar, der sein Schwert benützt, um den Soldatenmantel mit einem Bettler zu teilen. In diesem Jahr konnte ich die große Kathedrale in Tours besuchen, in der die Reliquien des Heiligen aufbewahrt und verehrt werden.

Dankbar bin ich für eine Kirche, die so unmissverständlich diese Option des Teilens und der Sorge für die Armen selbst eingeschlagen hat. Dies wird heute sichtbar überall dort, wo Menschen in Notsituationen von kirchlichen Einrichtungen geholfen wird und wo Flüchtlinge und Asylsuchende gegenüber einer inhumanen Asylpraxis in Schutz genommen werden. Wenn Papst Franziskus oder die Vertreter der Caritas Notleidende in Schutz nehmen und für sie Partei ergreifen, dann sind sie in den Fußstapfen jenes Bischofs aus Tours, der vor 1700 Jahren starb.

Kriegsdienstgegner Martin und die Friedensdividende

Die am meisten verbreitete ikonographische Darstellung des Heiligen aus dem Nordwesten des heutigen Frankreich stellt ihn jedoch als römischen Soldaten dar, meist auf einem Ross, mit Schwert und mit dem typischen roten Mantel. Martin wird mit Soldatentum in Verbindung gebracht. Daher wurde er in der katholischen Kirche auch zum Patron – das heißt zum Schutzheiligen – der Soldaten und der Waffenschmiede gemacht.

So anders ist jedoch die Vita des Heiligen Martin. Wenn er den Soldatenmantel nimmt und ihn mit dem Schwert zerschneidet, so ist dies zunächst nicht ein Akt der Barmherzigkeit, sondern eine Aktion mit einer tiefen Symbolik. Ein halber Mantel hätte dem Bettler wohl auch nicht viel geholfen. Das Mantelteilen geht viel tiefer. Zudem wurde mit dem Mantelteilen Militäreigentum beschädigt, was einer Straftat gleichkam. Nominell gehörte einem Soldaten nur eine Hälfte des Mantels, die andere aber dem römischen Staat.

Bei Martin sehen wir: Die Option für die Armen ist integral verbunden mit einem radikalen Schnitt. Der Arme löst bei Martin eine Lebenswende aus. Der erfolgreiche Soldat entscheidet sich für Jesus Christus und den gewaltfreien Weg aufgrund seiner Begegnung mit den Armen. Sinnfällig findet durch das Mantelteilen eine Friedensdividende statt. Martins Schwert dient nicht mehr zum Kämpfen, sondern zum Teilen von Besitz. Seine Rüstung – der Mantel – wird aufgelöst, um die Armen damit zu kleiden. Er steigt vom Ross, um auf Augenhöhe mit dem Bettler zu sein. Er weist Obdachlose nicht ins Nichts, sondern schützt sie mit dem Mantel vor der Kälte der Obdachlosigkeit. Heute würden wir sagen: Martin steht für ein „Christlich geht anders“. Mantelteilen heute bedeutet, Reichtum und Lebenschancen gerecht zu verteilen.

Wer den Mantel teilt, macht sich freilich verletzlich. Auch Martin, so die Legenden, musste zunächst mit dem Spott der Umstehenden rechnen, weil er mit einem halben Mantel sehr hässlich ausgesehen habe.

Der Heilige aus dem 4. Jahrhundert entspricht dem Pazifismus eines Martin Luther King. Eine Darstellungsform des Hl. Martin könnte auch täuschen. Landauf landab wird Martinus als römischer Soldat hoch zu Ross dargestellt. Martin – der dem Kriegsgott Mars „Geweihte“. Diese Wahrnehmung passt besser zu einer militärischen Kultur als ein Christ, der sich aufgrund seines Glaubens entscheidet, keine Waffe mehr zu tragen. Es stimmt zwar, dass Martin zunächst als Berufssoldat gedient hatte. Mehr und mehr aber dürfte Martin diesen Dienst nicht mehr als vereinbar mit seinem Christsein empfunden haben, obwohl damals die Kaiser Soldatendienst und Christsein durchaus nicht mehr wie in der frühen Kirche als Gegensatz gesehen hatten. Das pazifistische Prinzip „Ich kann nicht Christ und Soldat zugleich sein“ („Non possum militare, Christianus sum“), das vor der Konstantinischen Wende Gültigkeit hatte und die Christenverfolgung durch die römischen Kaiser wesentlich verstärkte, war aufgegeben worden. Sulpicius Severus berichtet in seiner Vita Sancti Martini, verfasst um 395, von Martins Verweigerung. Er soll dem Kaiser gesagt haben: „Bis heute habe ich dir gedient, Herr, jetzt will ich meinem Gott dienen und den Schwachen. Ich will nicht mehr länger kämpfen und töten. Hiermit gebe ich dir mein Schwert zurück. Wenn du meinst, ich sei ein Feigling, so will ich morgen ohne Waffen auf den Feind zugehen.“

Wenn später aus dem Heiligen Martin der Patron der Soldaten und Waffenschmiede gemacht wurde, so stimmt dies mit dem Leben des Bischofs von Tours nicht überein.

Kulturhistorische Hinweise

Allein die Tatsache, dass der Name „Kapelle“ auf den Heiligen Martin zurückgeht, symbolisiert seine Bedeutsamkeit für die gesamte Kirche. „Cappa“ war die lateinische Bezeichnung für einen mantelartigen Umhang. Die Cappa des Heiligen Martin hatte einen ganz besonderen Wert. Für diese Reliquie wurde eine eigene Bewachung aufgestellt, die so genannten Kapellane, woraus später das Wort „Kapläne“ entstand. Weil die Cappa als Reliquie in Kriegszeiten auch mitgetragen wurde, wurden im ganzen Reich entsprechende Kapellen errichtet. Auch der Name von Musikkapellen leitet sich von daher ab, da es früher eigene Musikorganisationen gab, die bei diesen Kapellen Musik machten.

Martin kein narzisstischer Selbstdarsteller

Weil Martin vorlebte, was Sache ist, weil er vom „hohen Ross“ gestiegen ist und Empathie und Solidarität zeigte, wollte ihn die vox populi, die Stimme des Volkes, zum Bischof machen. Bekannt ist seine anfängliche Weigerung, dem Ruf auf das Bischofsamt zu widerstehen. Ruhm, Macht und Karriere waren nicht sein Lebensziel und waren nicht der Grund, warum er sich für Jesus entschied. Weil ihm das episkopale Amt zu abgehoben vorkam, versteckte sich der Heilige laut Legende in einem Gänsestall. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass ihn die Gänse verraten würden.

Es gibt Bischöfe im Stile des heiligen Martin, der jeglichen Prunk vermied und in seinem Lebensstil auf Insignien der Macht verzichtete. Der Bischof von Rom, Papst Franziskus, der auf einer FPÖ-nahen Website als „Papa horribilis“ gebrandmarkt wurde, setzte von Beginn an viele Zeichen in diese Richtung. Ein Bischof passt auf keinen Thron, darf sich nicht beweihräuchern lassen und vor einem Bischof soll sich kein Mensch niederwerfen: Das war die Botschaft des Martin zu einer Zeit, als sich die Kirche mehr und mehr dem römischen Herrschaftsgehabe anzupassen begann.

Der Himmel geht auf

Ich könnte ein Kunstwerk von Claudia Treutlein benützen, um das Wunder des Mantelteilens abschließend zu illustrieren. Dort, wo geteilt wird, ist ein goldenes Band. Die Künstlerin dazu: „An der Reißwunde des Mantels geht der Himmel auf.“

Klaus Heidegger, Martinsfest 2019, www.klaus-heidegger.at

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