Nachdenken über Auferweckung und Auferstehung am Beispiel der biblischen Auferstehungserzählungen

„Wir verfehlen von vornherein den Sinn von Auferstehung im allgemeinen und auch bei Jesus, wenn wir uns ursprünglich an der Vorstellung einer Wiederbelebung eines physisch-materiellen Leibes orientieren.“[1]  (Karl Rahner)

Auferstehung in Corona-Zeit: ein „broken Hallelujah“

In der Tageszeitung „Österreich“ stand in den Riesenlettern, die für Boulevard-Blätter üblich sind: „KURZ: SEIN FAHRPLAN ZUR AUFERSTEHUNG.“ Das Foto dazu zeigt den Bundeskanzler, der sich gerade eine MNS-Maske überzieht. Auferstehung. Ein religiöses Kunstwort hat seinen Weg auf die Titelseite eines Massenblattes gefunden. Der Regierungschef wird einmal mehr in dieser Krisenzeit mit einem messianischen Nimbus versehen. Tatsächlich ist angesichts von dystopischen Bildern der Gegenwart, von gespenstisch leeren Städten, von Tausenden Toten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, von skurril wirkenden Menschen in Supermärkten mit Atemschutzmasken, von Waldbränden in vielen Gegenden dieser Welt im Kontext der fortschreitenden Erderhitzung, von den in Flüchtlingslagern zusammengepferchten Menschen und einer ungewissen Zukunft nach der Corona-Krise eine kollektive Auferstehungssehnsucht wohl größer als je zuvor. Wir klingt unser „Halleluja“-Ruf in dieser Zeit mit Blick auf so manche Situation in unseren kleinen privaten Welten? Die Wirklichkeit von Auferstehung kann nicht verordnet werden, kann nicht erzwungen werden. Mit Leonard Cohen können wir wohl oft nicht mehr als ein „broken Halleluja“ singen und uns von den legendarischen biblischen Auferstehungserzählungen inspirieren lassen.

Welche Auferstehung?

Rund um die Ostertage werden üblicherweise Umfragen veröffentlicht, in der die religiösen Grundeinstellungen erhoben wurden. Dazu gehört schon traditionell die Frage, wer noch an Auferstehung glaube. Die religionskritisch gefärbte Interpretation dieser Umfrage liest sich im DER STANDARD dann so: „Geht es aber um den Kern des Osterfestes, also darum, dass Jesus Christus in das Reich der Toten hinabgestiegen und am dritten Tage auferstanden ist, lässt der Glaube stark nach: Nur 22 Prozent der Gesamtbevölkerung glauben das, unter den engagierten Katholiken sind es immerhin 66 Prozent, unter den Taufscheinkatholiken aber nur noch 20 Prozent.“[2]

Das Grundproblem hinter dieser Frage liegt aber wohl darin, dass die Frage so gar nicht gestellt werden dürfte, um zu einer wirklich schlüssigen Antwort zu kommen. Welche Auferstehung ist gemeint, an die jemand glaubt oder nicht glaubt? An eine Auferstehung, an die viele nicht glauben können, als übernatürliches Eingreifen in die Geschichte, das jede Naturgesetzlichkeit sprengt, wo wortwörtlich ein zerschundener, getöteter Körper in eine neue jenseitige Leiblichkeit hinein auferweckt wird, an die kann ich wohl auch nicht glauben. In der Frage von Auferstehung gibt es oft viel mehr „Aberglaube“ als Glaube, mehr „Esoterik“ als vernunftbasierte Philosophie oder mehr Halbbildung als grundlegende Kenntnis der zentralen religiösen Inhalte. Ein Glaube, der mit Vernunft begreifbar gemacht werden kann, in dem die metaphorische Sprache der biblischen Auferstehungstexte nicht falsch historisiert wird, an eine solche Wirklichkeit würden doch wesentlich mehr Menschen glauben.

Aber auch die Sprachregelung in vielen Predigten folgt dem Narrativ, dass es auch ein historisches Faktum sei, dass das Grab Jesu leer gewesen sei und Jesus körperlich auferstanden sei. Das leere Grab sei mehr als ein Bild. Es ist so viel populärer, die biblischen Texte und insbesondere die Auferstehungsgeschichten wortwörtlich zu lesen, als sie historisch-kritisch zu begreifen.

 

Auferstehung als übernatürliches Eingreifen

Mit solchem Glauben verknüpft ist eine Sichtweise Gottes, der jede Naturgesetzlichkeit sprengen kann. Es ist ein allmächtiger Gott. Wenn es aber wirklich einen solchen Gott gibt, dann wird die Theodizeefrage ganz neu virulent. Ein Gott, der Tote zum Leben erwecken kann, der so in die Welt eingreifen kann, warum lässt er es dann die Abertausenden Covida-19-Erkrankungen zu? Warum lässt er zu, dass in den Krankenhäusern von Bergamo in den letzten Wochen Menschen sterben mussten ohne die Anwesenheit ihrer Verwandten und ohne die Chance einer intensivmedizinischen Betreuung. Warum lässt er zu, der doch ein „Allmächtiger“ sei, dass täglich mehr als 20.000 Menschen an Hunger sterben? Warum lässt ein solcher Gott, der doch Tote erwecken kann, das Leid zu? Ganz konkret: Während die Christenheit am Ostersonntag Auferstehung feiert, ereignet sich das größte Flüchtlingsunglück in diesem Jahr vor der lybischen Küste mit weit mehr als 100 Toten. Gäbe es einen auferweckenden Gott, dann dürfte dies doch nicht sein, oder ist diesem Gott das Leben „seines Sohnes“ wichtiger als jenes der Flüchtlinge. Ein solcher Gott, der Jesus auf übernatürliche Weise zum Leben erweckt hätte, wäre ein zynischer, mitleidsloser Gott angesichts von so viel Leid.

Wechselseitige Dynamik von Auferweckung und Auferstehung

Zurück zu Auferstehungsthematik. Schon die zentrale Begrifflichkeit ist metaphorisch geprägt. Auferstehung ist ein Kunstbegriff, mit dem ein Aufstehen assoziiert werden kann, zugleicht ist es aber immer mehr. Kommt ein Schüler in der ersten Stunde verspätet zum Unterricht, wird er nicht sagen: „Entschuldigung, ich bin zu spät auferstanden.“ Und doch hat Auferstehung auch mit einem eigenmächtigen Sich-Aufrichten zu tun. Genauso ist es mit Auferweckung. Gedanklich verbunden ist damit das Aufwecken. Der Wecker am Nachtkastl ist ein Wecker und kein Aufwecker. Beide Begriffe – Auferstehung und Auferweckung – erscheinen wie Synonyme. Dennoch bergen sie in sich zwei unterschiedliche Dimensionen, die miteinander in einem Wechselspiel stehen. Aufwecken ist der äußere Impuls. Da ist auch Gott im Spiel. Hier geschah etwas mit Jesus. Hier kann auch in meinem Leben etwas geschehen. Es braucht Menschen, die in uns Lebendiges anstupsen, die uns Kraft zum Aufstehen geben. Zweiteres ist die Reaktion auf Auferweckung. Da beginnt jemand selbst aktiv zu werden. Da gibt es die Tausenden Auferweckungs-Auferstehungs-Dynamiken in unserem Leben. Die ausgestreckte Hand eines Menschen, mit dem ich einen Konflikt habe, lässt mich selbst einen Schritt zu ihm zugehen. Der zärtliche Blick eines Gegenübers schenkt mir ein Gefühl von Geborgenheit, das Mut zum Aufbrechen gibt. Diese Dynamiken gibt es auch im politischen Bereich: Dabei denke ich vor allem an die Geschichte von Greta Thunberg. Sie ist aufgestanden gegen die Zerstörung des Klimas und Tausende sind von ihr aufgeweckt worden, selbst aufzustehen.

Die andere Auferstehung

Eine Schülerin brachte die zentrale Frage im Unterricht treffend auf den Punkt: „So wie in den Kirchen an vielen Orten über Auferstehung geredet wird, nämlich so, als wäre es ein buchstäbliches Wunder, so als müsste man an ein übernatürliches Geschehen glauben, so ist für mich Auferstehung nicht. Ich glaube an eine andere Auferstehung.“

Buchstäbliche oder metaphorische Interpretationen

Als Religionslehrer kann ich mir solche Aussagen nur wünschen. Sie zeigen ein Verständnis von Auferstehung, das ich tatsächlich zu wenig in Gesprächen oder auch in den populären medialen Vermittlungen rund um die Ostertage finde. Ein Beispiel dafür ist die historisierende Darstellung im Film „Maria Magdalena“. Die Bibel wird dort zu sehr als Drehbuch missverstanden und auch in der Auferstehungsszene, wo Maria Magdalena das leere Grab entdeckt, bleibt der Film unbeholfen. Er macht zu wenig deutlich, was Auferstehung wirklich bedeutet: Dass sich nämlich Maria Magdalena und mit ihr die anderen Jüngerinnen und Jünger angesichts der brutalen Tötung ihres Meisters nicht geschlagen geben, dass sie so ganz in seinem Sinne weitermachen, hinausgehen, heilen und die Botschaft Jesu weitertragen. Jesus lebt in den Herzen und Händen jener Menschen, Gruppen und Gemeinden weiter, die von seinem Geist angesteckt worden sind. In dem Film „Jesus von Montreal“ aus den 80er-Jahren wird dieser Gedanke so ganz anders als in der Hollywood-Magdalana-Verfilmung umgesetzt. Als der Schauspieler Daniel, der im Passionstheater die Rolle von Jesus spielt, stirbt, werden seine Organe entnommen. Sein Spenderherz schlägt in einem anderen Menschen, seine Augen machen eine Blinde sehend. So können wir Auferstehung auch verstehen.

Vernünftiger Auferstehungsglaube

Wenn die Mitte des christlichen Glaubens nicht mehr verstanden wird, werden sich mehr und mehr kritische Menschen von der Religion abwenden und die Kirche verlassen. Die Emmausperikope aus dem Lukasevangelium, die am Ostermontag in den Kirchen gelesen wird, zeigt uns, wie wir die Auferstehung Jesu Christi in einer Weise verstehen müssen, dass sie nicht länger als Gegensatz zum wissenschaftlichen Denken konstruiert wird. Eine Dekonstruktion fundamentalistisch-buchstäblicher Interpretationen ist notwendig. Damit einher geht die Konstruktion eines kritischen Auferstehungsbildes, das dem Charakter der Evangelien gerecht wird.

Metaphorische Deutung

Gerade mit den Schülern und Schülerinnen ist es wichtig, die bildhaft-symbolischen Auferstehungsgeschichten zu decodieren. Im ersten Moment ist es für viele von ihnen eine heilsame Ent-Täuschung. Von Kindergartentagen an bis in die 5. Klasse eines Oberstufengymnasiums lebten sie mehr oder weniger mit der Vorstellung, dass das Beschriebene historische Faktizität hätte. So wurde es auch allzu oft vermittelt, was letztlich zu einer Entfremdung von Religion und Kirche nach sich ziehen könnte. „Religionskritische“ Schüler und Schülerinnen tragen bereits in sich die Zweifel, dass es doch mit der Auferstehung nicht so gewesen sein könnte, dass da ein menschliches Wesen, das zuvor grausam hingerichtet worden ist, nun plötzlich durch geschlossene Türen gehen könnte, die Jünger und Jüngerinnen anspricht und mit ihnen zusammen isst. Wenn diesen Schülern und Schülerinnen nicht der besondere Charakter dieser Erzählungen klar gemacht wird, dann wird dies dazu führen, die biblischen Geschichten generell als Märchen oder gar als Lügengeschichten abzutun und zu einer weiteren Distanzierung vom christlichen Glauben führen.

Wir dürfen die Auferstehungsgeschichten aber auch nicht nur spirituell deuten. Ist es nicht auch historisches Faktum, dass sich die Jüngerbewegung nach der Hinrichtung nicht einschüchtern ließ, sondern die Sache Jesu weiterführte? In diesem Sinne haben wir eine historische Tatsache des Weitermachens im Sinne Jesu! Ist es nicht auch leiblich, wenn die urkirchlichen Gemeinden begannen, was sie hatten, miteinander zu teilen (Apg. 2,4), sodass niemand mehr unter ihnen Not litt? In diesem Sinne ist Auferstehung durchaus materiell begreifbar und nicht rein spirituell. In diesem Sinne – und nur in diesem Sinne – ist Jesus physisch und leiblich auferstanden, und das ist zugleich weit mehr als jede Spekulation über ein zombieartiges Fleisch-und-Blutwerden Jesu, wie es so oft in den Köpfen der Menschen herumspukt. Ich werde nie die Sätze von Dorothee Sölle vergessen: „Wäre Jesus nicht in unseren Herzen und Werken auferstanden, so wäre er noch immer im Grab!“ Weil aber dies ein irrealer Aussagesatz ist, dürfen wir Auferstehung Jesu feiern. Wenn Ostern lediglich verstanden wird als Ereignis vor 2000 Jahren, dann wird es bedeutungslos. Und noch einmal sei Dorothee Sölle zitiert: „Ostern ist entweder existentiell, oder es sagt überhaupt nichts und wird mit Recht vermarktet.“[3]

Eine solche Sicht kann auch an Hand des Begriffes „Auferweckung“ verdeutlicht werden. Wer ist es, der Jesus aus dem Totenhaus auferweckt? Die theologische Standard-Antwort kommt schnell: „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.“ Wir können dabei jedoch nicht stehen bleiben, sondern müssen dabei auch die Gottesfrage stellen: „Wer und wie ist Gott?“ Schließlich wird in einer inkarnatorischen Theologie festgehalten, dass Gott im und durch das Handeln der Menschen wirkt, der Geist Gottes im Tun der Menschen lebendig werden kann. Somit sind es wir Menschen, die als Werkzeuge Gottes und beseelt von göttlichem Geist Jesus zum Leben erwecken können.

Erscheinungen als psychische Wirklichkeit

Neben der materiellen Wirklichkeit gelebter Jesus-Botschaft sind die biblischen Erscheinungsgeschichten und Visionen auch Ausdruck einer psychischen Wirklichkeit. Für Eugen Drewermann sind die Erscheinungen in den Tiefenschichten der menschlichen Psyche Bilder aus dem „Erbgedächtnis der Menschheit“[4]. Auch in dieser tiefenpsychologischen Interpretationsweise wäre es verkehrt, historisch-faktisch bzw. naturwissenschaftlich an die Auferstehung Jesu heranzugehen. Die Auferstehungs-Erzählungen sind die Träume von einer besseren Welt. Heute drückt es die Anti-Globalisierungs-Bewegung in ihrem Slogan aus: „Eine andere Welt ist möglich.“

Ostererfahrungen als Ausgangspunkt für Osterberichte

Wenn wir die Wirklichkeit der Auferstehung begreifen wollen, können wir zum einen die neutestamentlichen „Berichte“ von Auferstehung nehmen, die freilich immer auch schon Interpretationen und Bilder einer bestimmten Erfahrung von Auferstehung sind. Zum anderen ist es bedeutsam, die eigenen Auferstehungs-Erfahrungen ernst zu nehmen und beides wiederum in eine Verbindung zu setzen. Zwischen beiden Erfahrungsebenen besteht eine positive Dialektik. Je besser es mir gelingt, Auferstehungs-Erfahrungen in meinem eigenen Leben wahrzunehmen, desto besser kann ich die neutestamentlichen Berichte verstehen. Je mehr ich mich auf die neutestamentlichen Auferstehungsberichte einlassen kann, desto besser werde ich auch in meinem eigenen Leben Auferstehungserlebnisse begreifen können.

Ich möchte die Erfahrungswirklichkeit bzw. Auferstehungswirklichkeit am Beispiel der Emmaus-Geschichte nachzeichnen. Gerade weil sie eine bildhafte Geschichte ist, können wir jeden der Hinweise in dieser Textstelle ernst nehmen, indem wir sie auch auf unser Leben hindeuten.

Emmausperikope als lukanisches Sondergut

Die bekannte Emmaus-Perikope finden wir nur im Lukas-Evangelium. Eindeutig ist sie also lukanisches „Sondergut“, in dem sich die Erfahrungs- bzw. Auferstehungswirklichkeit der lukanischen Gemeinde widerspiegelt. Der Text dürfte um das Jahr 90 n. Chr. entstanden sein. Redaktionsgeschichtlich zählt die Emmaus-Erzählung zu der Gattung der „Erscheinungserzählungen“[5], mit denen die vier Evangelien abschließen und die die jüngsten Schichten der jeweiligen Evangelien bilden. Exegetisch ist somit klar, dass es bei diesen Erzählungen nicht darum geht, einen historischen Bericht über die Auferstehung zu bringen, sondern bildhaft zu beschreiben, was Auferstehung bedeutet bzw. wie sie „funktioniert“. Sie entspricht der lukanischen „Wegetheologie“. Christliche Existenz realisiert sich im Unterwegssein. Der Auferstandene ist Begleiter.

Sich auf den Weg machen

„… und siehe, zwei von ihnen wanderten an diesem Tag …“ (V 13)[6]

Die beiden Emmausjünger machen sich nach der Passion Jesu Christi auf den Weg. Wir können uns historisch in sie hineinfühlen. Es ist die Erfahrung, dass dieser Jesus von Nazareth, der für sie Hoffnung auf Befreiung bedeutet hatte, von den politisch Mächtigen kaltblütig und bestialisch hingerichtet worden ist. Wie soll nun ohne ihren Rabbi die Sache der Befreiung und des Reiches Gottes weitergehen? Ist ihr Projekt nicht gescheitert? Jedenfalls gehen sie weg von jener Stadt, die für sie zu einer Stadt des Grauens geworden ist. Vielleicht auch gehen sie mit Angst weg. Auch ihnen, den Jesus-Anhängern, könnte es an den Kragen gehen. Weg also von der Stadt, die voll von römischen Besatzungssoldaten, Tempelwachen, Günstlingen der römischen Besatzungsmacht und heimischen Kollaborateuren war.

Miteinander unterwegs sein

„Und siehe, zwei von ihnen …“ (V 13)

Diese Auferstehungsgeschichte ist eine Geschichte von Zweien. Man kann sich das gut erklären: Zu zweit haben sie mehr Mut, zu zweit fühlen sie sich etwas sicherer in dieser für sie bedrohlichen Zeit. Einer kann den anderen korrigieren. Zu zweit, das hatten sie bereits von ihrem Meister gelernt, der die Jünger und Jüngerinnen zu zweit ausgeschickt hatte. (Lk 10,1) Die beiden haben sich auf ein Ziel geeinigt, das einen konkreten Namen hat: Emmaus. Sie haben sich kein großes Ziel gesetzt, keine weite Wegstrecke. Es sind nur 60 Stadien, das sind 12 km von Jerusalem nach Emmaus. Sie überfordern sich nicht.

In dieser Paarkonstruktion wird zugleich Raum für Kommunikation geschaffen. Für heute stellt sich die Frage: Mit wem bin ich unterwegs, um offen zu sein für die Auferstehungswirklichkeiten? Wo bin ich allein mit meinen Träumen von einer besseren Welt und wo kann ich sie mit jemandem teilen? Ein Sprichwort trifft diese Auferstehungswirklichkeit des Miteinanders punktgenau: „Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“ Dankbar bin ich jedenfalls für Menschen, die mich auf diesem Weg stärken.

Freilich sind es in der Emmaus-Geschichte zunächst nur zwei! Darin liegt auch eine Hoffnung. Auch damals, am ersten Ostermorgen und dann auf dem Gang nach Emmaus waren es noch nicht viele. Auch die zarten Ansätze eines anderen Lebens sind heute nur klein und bestimmen nicht die Politik dieser Welt. Doch liegt darin schon der Keim einer anderen Welt. Das gibt Mut.

Miteinander reden

„… und sie redeten miteinander über all diese Ereignisse.“ (V 15) „Als sie miteinander redeten und nachdachten …“

Die kommunikative Grundstruktur des Glaubens an Auferstehung wird gleich zu Beginn dieser Erzählung deutlich. Zwei Menschen im Dialog. Sie reden nicht aneinander vorbei; sie führen keine Monologe; sie quatschen einander nicht voll; sie reden kein belangloses Zeugs; nicht einer versucht den anderen zu überzeugen. Nein: Es heißt ausdrücklich, dass sie miteinander reden. Ihre Worte sind auch geprägt von einem „Nachdenken“. Ich kann mir vorstellen, wie sie Pausen machen, um die Worte des jeweils anderen zu erwägen, und wie sie sich dabei auch in die Augen schauen. Wenn Dialog so stattfindet, wenn Kommunikation in dieser Weise gelingt, dann geschieht es, dass sich Jesus dazugesellt.

Jesus nähert sich

„… da näherte sich Jesus selbst und ging ein Stück Weg mit ihnen…“ (V 15b)

Jesus drängt sich nicht auf. Dieses Nähern hat etwas Zärtliches und etwas Vorsichtiges an sich. Er erschreckt die beiden nicht. Er dirigiert nicht. Jesus bestimmt nicht, wo es lang gehen soll. Er geht einfach mit. Er passt sich den beiden an. Auch dies können wir von Jesus lernen. Wie oft bin ich geneigt, anderen meinen Weg aufzudrängen, statt mit den anderen unterwegs zu sein?

Verzweiflung, Niedergeschlagenheit und Trauer

„Und sie blieben niedergeschlagen stehen.“ (V 17)

Die beiden Jünger gestehen sich ihre Niedergeschlagenheit und Trauer ein. Sie sind nicht Prototypen einer Keep-Smiling-Gesellschaft, haben nicht jenes Dauergrinsen, das Zeichen für die Erfolgreichen in dieser Welt ist. Die beiden haben den Mut, ins Dunkle zu blicken und auch die Abgründe des Lebens anzunehmen. Typisch für diesen Jesus ist, dass er sich gerade den Menschen in ihrer Niedergeschlagenheit zuwendet. Es klingt an, was er gesagt hatte: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“ Diese Botschaft bleibt.

Auch heute kann die Erfahrung gemacht werden: Wir können uns dem Dunklen und Schweren in unserem Leben stellen, weil gerade darin Begegnung mit dem Auferstandenen möglich werden kann. Wir können und müssen alle Gefühle des Schmerzes, der Enttäuschung, der Mutlosigkeit und der Zerbrochenheit radikal ernst nehmen.

Erkennen beim Brotbrechen

„Als er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte; brach es und gab es ihnen.“ 

Die beiden Jünger machten eine eucharistische Grunderfahrung. Oder besser gesagt: Die lukanische Gemeinde machte die eucharistische Grunderfahrung und kleidete sie in die Geschichte der Emmaus-Jünger. Martina Kraml beschreibt in ihrem Buch „Verwandlung auf das Leben hin“, dass Essen und Trinken Orte der „Berührung Gottes“ sein können und damit die erfahrbare Grundstruktur bieten, die wir ekklesiologisch die eucharistische Gemeinschaft nennen.

Eucharistisches Erleben ist nicht an katholisch-kirchliches ritualisiertes Tun gebunden bzw. vom sakramentalen Handeln eines Priesters abhängig. Würde die Emmaus-Erfahrung auf diese Form von Eucharistie reduziert, würde sie somit eingeengt auf eine katholische Messfeier, die gerade für Jugendliche meist nicht mehr eine Emmaus-Erfahrung ist, bei der ihnen „die Augen aufgehen“.

Heute können wir uns fragen: Wo sind meine Orte des göttlichen Brotbrechens? In den brüchigen und ambivalenten Erfahrungen des Miteinanderessens im Familienkreis, im Freundeskreis, in den Pfarrgemeinden, in der Schule, … ?

Jesus Christus als Verborgener

„Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn.“ (V 30f)

Der Auferstandene bleibt zunächst unerkannt. Erst schrittweise gehen die Augen auf. In der Auferstehungsgeschichte bei Johannes verwechselte Maria Magdalena zunächst den Auferstandenen mit einem Gärtner (Joh 20,1.11-18). Bei der Erscheinung im Abendmahlssaal (Joh 20,19-23) oder bei den Erscheinungen am See (Joh 21,1-4) – die Gestalt der Erscheinung wird erst in weiterer Folge mit der Person Jesu identifiziert. Die Emmausjünger „träumen“[7] somit in der Begegnung mit dem Fremden und in der auch außerpsychisch objektiv erfahrbaren Wirklichkeit vom auferstandenen Jesus. Betont wird in der Erzählung das visuelle Element der „aufgegangenen Augen“. Die Auferstehung spielt sich somit nicht nur im träumenden Bewusstsein ab wie bei einem Schlaftraum, sondern hat einen sichtbaren Anhaltspunkt.

Der Wert dieser Sichtweise führt uns weg von den Orten Emmaus, Jerusalem oder dem See von Galiläa hin zu den Orten, in denen wir leben. Wir können die Emmaus-Erfahrungen an unseren konkreten Orten und in unserer Zeit machen. Die neutestamentliche Emmauserzählung soll uns ermutigen, den Visionen und Träumen in unserem Leben mehr Raum zu geben, ja vielleicht mehr noch, uns von ihnen bestimmen zu lassen. Wären die Träume an der Macht, so wäre diese Welt wohl eine bessere! Die Evangelisten hatten den Mut, die Jesus-Geschichte nach seinem Tod mit Visionen von der Auferstehung fortzuschreiben. Sie ermutigen, an einen sich in der Geschichte stets offenbarenden Gott zu glauben und unsere Auferstehungs-Visionen selbst wahrzunehmen.[8]

Mut zu Umkehr und Neubeginn

„und kehrten nach Jerusalem zurück.“ (V 33)

Obwohl es bereits Abend wurde, blieben nun die beiden Jünger nicht bequem in ihrer Emmaus-Herberge. Ihr Herz brannte. Sie waren begeistert; sie wollten zu den anderen Jüngerinnen und Jüngern. Diese Erfahrung von Auferstehung wollten sie nicht für sich behalten. Die Auferstehungsgemeinschaft wächst, wenn wir im Text weiter lesen, denn auch die Elf und ihre Gefährten und Gefährtinnen hatten Auferstehungserlebnisse. So wurde Kirche der Auferstehung gegründet. Sie teilten sich ihre Träume und Visionen. Für die Christen und Christinnen der Urkirche galten wohl die Worte von Faust, die ihn Goethe bei seinem Osterspaziergang sprechen lässt: „Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selbst auferstanden.“ Und Goethe lässt auch deutlich werden, wie diese Auferstehung konkret und materiell geschieht als Befreiung von Unterdrückung und Lebensverstümmelung:
„Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern/
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden/
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern/
Aus den Straßen quetschender Enge/
Aus den Kirchen ehrwürdiger Nacht/
sind sie alle ans Licht gebracht.“

Für mich wird hier so schön greifbar, was Auferstehung in einem politischen Sinn aber auch in einem individuellen Sinn bedeutet. Es ist nie eine Vertröstung mit einem jenseitigen Himmel. Jesus ist in diese Welt hinein auferstanden. „Geht zurück nach Galiläa!“, heißt es in einer der Auferstehungsgeschichten. Das heißt für uns heute: Gehen wir in unsere Familien, in unsere Beziehungen, unsere Arbeitsplätze, die Schulen, die Klassenzimmer, die Welt – dort sind die Auferstehungsorte zu finden.

Der Rapper Sido hat es in einem seiner Songtexte jugendgemäß wie folgt gedichtet:

„Alle stehen immer vierundzwanzig sieben unter Strom
Und sind glücklich über fünf Minuten Frieden auf’m Klo
Ist doch alles installiert, bilanziert, finanziert, illustriert
Kleinkariert, Briefpapier DIN A4

Und auf einmal fällt dir auf, alles dreht sich im Kreis
Du fragst dich, „Hab’ ich schon alles gesehen und erreicht?“
Irgendwann ist es zu spät und dann fehlt dir die Zeit
Denn der Zeiger bleibt nicht stehen, alles geht mal vorbei,
lass uns leben, Dicka …

Lass uns leben vor dem Tod
Wir ha’m doch nur das eine …
Dieses Leben vor dem Tod …“

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der im Widerstand gegen das Naziregime war und hingerichtet wurde, meinte zum Auferstehungsglauben: Die christliche Auferstehungshoffnung verweist den Menschen auf das Leben auf der Erde, im Hier und Jetzt. Der Glaube an die Auferweckung heißt, dass Ungerechtigkeit nicht das letzte Wort hat, dass die Täter nicht auf Dauer über ihre Opfer triumphieren werden. Auferstehungsglaube ist die Widerstandskraft gegen die Kräfte des Todes.

Die biblischen Auferstehungsgeschichten ermutigen uns jedenfalls dazu, die Auferstehungserfahrungen mitten in unserem Leben zu sehen. Sie sind auch kennzeichnend für das gesamte Leben Jesu, wie es die Evangelien schildern. Auferstehung durchzieht das ganze Evangelium. Im Markusevangelium können wir von etlichen dieser Auferstehungsgeschichten lesen. Erinnert sei an die Heilung des Gelähmten. Er wird von seinen Freunden getragen und über das Dach zu Jesus hinunter gelassen. Jesus sagt zu ihm: „Ich sage dir, steh auf!“ Durch die Zuwendung seiner Freunde und durch Jesus gelingt es ihm aufzustehen.

Klaus Heidegger

[1] So beispielsweise Christoph Schönborn in seinem Evangelienkommentar zum Ostersonntag 2019 sowie 2020 in der Kronenzeitung.

[1] Rahner Karl (1967): Grundkurs des Glaubens, Freiburg, 262.

[2] Zit. in: derstandard.at/2000101767787/Moralische-Werte-werden-wichtiger-als-Glaube-an-Gott, 21.4.2019.

[3] Sölle Dorothee (2006): Es muss doch mehr als alles geben, Freiburg i. Br. 20063, 105.

[4] Drewermann Eugen, Tiefenpsychologie und Exegese, Band II, 320.

[5] Die Exegese unterscheidet drei Gattungen von Auferstehungszeugnissen: Die älteste Schicht sind die Auferstehungsformeln, die bereits auf das Jahr 50 n. Chr. zurückgehen und sich in der paulinischen Briefliteratur finden. Die bildhafte Entfaltung dieser Berichte sind dann die Auferstehungsberichte, die sich unterteilen lassen in die Geschichten vom leeren Grab einerseits und die Erscheinungserzählungen andererseits. Sie hatten apologetischen Charakter, das heißt es ging darum, den Leugnern und Leugnerinnen der Auferstehung zu bezeugen, dieser Christus ist wirklich auferstanden.

[6] Bibeltext folgt der Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006.

[7] Für Drewermann besteht der Unterschied zwischen Traum und Vision = Erscheinung lediglich darin, dass Erscheinungen im Wachzustand geschehen. Vgl. ebd. 310.

[8] Ein schönes Beispiel findet sich in der Osterausgabe der Tiroler Kirchenzeitung vom 8. April 2007, wo von einem jungen Mann aus dem Ötztal berichtet wird, der nach einem schweren Unfall zu neuem Lebensmut gefunden hat.

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