Verwundete und befreite Körperlichkeit: Nachlese zum Film „Corpus Christi“ Corpus Christi

 

Der Filmtitel bringt es ungeschminkt, unmissverständlich und schnörkellos auf den Punkt: Der Inhalt des bereits mehrfach preisgekrönten und für einen Oscar nominierten polnischen Filmdramas ist die Deutung dessen, was sich hinter einem der zentralsten Geheimnisse des katholischen Glaubens verbergen könnte. Was können wir unter dem Begriff „Corpus Christi“ verstehen?

„Leib Christi“ habe ich als Kommunionhelfer in meinen beiden Heimatgemeinden über viele Jahre tausende Male gesagt, wenn ich die Hostie in die Hände oder auf die Zungen von Menschen legen konnte, in Hände, denen man harte Arbeit auf den Feldern oder an Maschinen ansah, in zarte Hände, die wohl oft nicht weniger arbeitsam sind, in Hände, die anpacken konnten, in Hände, die sicher auch zärtlich liebend waren, in zittrige Hände, in Hände, die schüchtern sich zu einer Schale gebildet hatten oder in Kinderhände, die tief innen das Geheimnis von der Begegnung mit dem Göttlichen erahnten. Darin liegt auch die Mystik des Kommunionempfangs: Zu spüren, dass sich Göttliches und Menschliches verbinden können, dass die Sehnsucht des Getrenntseins von Gott aufgehoben wird, dass wir uns von Göttlichem – das in Jesus Christus Gestalt angenommen hat – ganz durchdringen lassen können. „Corpus Christi“ hätte ich früher auf Lateinisch gesagt, „Amen“ die Antwort.

Corpus Christi – ein tiefreligiöser Film

Als Theologe und Religionslehrer mag ich religiöse Filme, wobei viele Filme zutiefst religiös sind, manchmal jene Filme mehr, die landläufig gar nicht als religiös gelten: Gute Liebesfilme zum Beispiel, weil hier so wunderbar göttliche Gegenwärtigkeit ins Bild gebracht werden kann, oder Filme über Freundschaft, über Verzeihen und Versöhnen, über Solidarität oder über Widerstandsgeschichten gegen das Böse. Die religiöse Grundgrammatik in ihren Tiefendimensionen wird gerade in diesen Geschichten sehr oft durchgespielt. Und dann gibt es eben auch Filme, die explizit religiöser Natur sind, ohne aber dem Genre Religionsfilm zu entsprechen, weil sie traditionelle Denkmuster sprengen können. Ein solcher genialer Film ist „Corpus Christi“.

Mir geht es nicht darum, die cineastische Leistung des jungen polnischen Regisseurs und vor allem des Hauptdarstellers zu bewerten. Sie ist großartig. Auch das Drehbuch könnte von einem Theologen wie Jozef Niewiadomski geschrieben worden sein, entspricht es doch so ganz dem, was er mir in seinen Vorlesungen und in seinen Büchern über mimetische Theologie und Soteriologie vermitteln wollte.

Die Handlung

Hauptfigur im Film ist Daniel, der wegen Mordes in einer Jugendstrafanstalt einsitzt. Dort dient er dem Gefängnispriester Pater Tomasz als Messdiener. Er ist begeistert von diesem Priester und seiner Art, das Evangelium zu leben und zu verkünden und möchte selbst Priester werden, was wegen seiner Vorstrafen jedoch nie möglich wäre. Wegen guter Führung wird Daniel kurz vor seinem 21. Geburtstag auf Bewährung aus der Haft entlassen, um in einem Sägewerk zu arbeiten. Es ergibt sich der Zufall, dass er auf dem Weg dorthin in einer Kirche vorbeikommt. Dort gibt er sich einer jungen Frau, der Tochter der Mesnerin, als Priester aus. Aus Spaß hatte er ein Kollar bei sich, was schon genügte, um seinen vermeintlich klerikalen Status zu beweisen. Nun konnte er sich dem neuen Auftrag gar nicht mehr entziehen. Der ansässige alkoholkranke Pfarrer brauchte dringend eine Vertretung und der vermeintlich junge Pfarrer kam ihm da sehr gelegen. Daniel lernte mit Hilfe von Google die Beichte zu hören, büffelte in der Nacht kettenrauchend das Messbuch – aber das Wichtigste hatte er bei seinem Gefängnisseelsorger schon gelernt. Schnell konnte Daniel mit seiner Art, die Messe zu lesen, auf die Menschen zuzugehen, Verständnis zu zeigen für die Nöte der Gläubigen und vor allem eine große Wunde in dem beschaulichen Dorf nicht zu verdrängen, die Sympathien der Gläubigen gewinnen. Besonders die jungen Menschen konnte Daniel mit seiner coolen Art begeistern. Ein tragischer Unfall, bei dem sechs junge Menschen und der Unfalllenker starben, lag wie ein dunkler Schatten über der Gemeinde. Die Angehörigen der Jugendlichen waren voller Hass gegenüber der Witwe des Unfalllenkers. Es war ihnen unmöglich, in dieser Situation mit dem tragischen Verlust ihrer Liebsten fertig zu werden.

Religiöses Sprechen und Handeln

„Ihr sollt nicht mechanisch beten!“, sagte der Gefängnisseelsorger seinen anvertrauten jugendlichen Straftätern, während er ihnen stets in die Augen sah und kein Gebet von irgendeinem Buch vorlas. Er redete nicht in unverständlichen Formeln und sprach nicht mit verstaubten Glaubenssätzen, sondern erzählte von einem Gott, der sich im Leben der gesellschaftlich ausgegrenzten Jugendlichen wiederfinden ließe. Gewalt und Mobbing war prägend für das Leben im Gefängnis. Auch Daniel nahm dort die Rolle eines Täters ein, als einmal ein Mithäftling grob misshandelt wurde. Daniel lernte aber gerade in diesem Milieu, was es bedeuten könnte, sich von diesen Verstrickungen in Gewalt zu lösen. Er war nicht mehr nur Täter, sondern konnte die Rolle eines Lösers einnehmen. Obwohl er systembedingt nach seiner Haft nicht Priester werden konnte, zeigt er auf, worin eine priesterliche Existenz liegen könnte. Die zentralen religiösen Vollzüge konnte er in seinem Reden und Tun vermitteln, weil er selbst betroffen war.

Viele Sätze, die der Drehbuchautor dem jungen Scheinpriester in den Mund legte und die die Pfarrgemeindemitglieder herausforderten, sind wie Kernsätze aus einem theologischen Seminar, wirken im Kontext des Plots aber weit authentischer als in einem Hörsaal auf der Uni. Ohne die Fähigkeit, auch die eigene Schuldverstricktheit zu erkennen, wird kein Vergeben und Versöhnen möglich sein. „Liebe vergibt, auch wenn sie nicht vergisst!“, redet Daniel der Gemeinde ins Gewissen.

Marta, die Gefährtin

Von Beginn an hat Daniel eine Frau an seiner Seite. Sie wachsen in Gedanken – und auch körperlich zusammen. Sie verstehen sich und können sich so stützen. In der Jesusgeschichte würde sie wohl Magdalena heißen.

Kein Happy-End und doch eine Lösung

Corpus Christi ist kein Film „Made in Hollywood”. Zwar geschieht Versöhnung im Dorf, doch muss Daniel wieder zurück ins Gefängnis, zurück auch in eine äußerst brutale Gewaltsituation. Doch davor gibt es noch eine Abschiedsmesse vor der versammelten Gemeinde. Daniel knüpft sich sein Kollarhemd auf und steht mit nacktem Oberkörper vor dem großen Kruzifix über dem Altar. Daniel wie Jesus,  blutüberströmtes Opfer, das zumindest für kurze Zeit eine erlösend-heilende Rolle einnahm. Ist es purer Zufall, dass auch in einem anderen Jesusfilm der Jesusdarsteller „Daniel“ hieß? Im Film „Jesus von Montreal“ stirbt Daniel. Was mit dem schwer verletzten Daniel in dem apokalyptisch brennenden Gefängnis in „Corpus Christi“ geschieht, bleibt unbeantwortet. Marta jedenfalls verlässt das Dorf – sie wird die Botschaft weitertragen.

Klaus Heidegger, 30.8.2020
(Bild: Kreuzwegstation auf einem sehr berührenden Kreuzweg auf dem Jakobsweg im Stanzertal zwischen Strengen und St. Jakob)

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