Islam ist Frieden und nicht Gewalt: Von der gewaltfreien und sanftmütigen Mitte des Islam

Islam und Gewaltfreiheit: Oktober 2020

In der Nähe von Paris wurde ein Lehrer auf offener Straße enthauptet. Das Opfer soll im Unterricht Mohammed-Karikaturen verwendet haben, um über Meinungsfreiheit zu arbeiten. Der von der Polizei in Notwehr getötete Attentäter hat einen islamistischen Hintergrund. In den vergangenen Jahren sind in Frankreich bereits mehr als 250 Menschen bei einem islamistischen Anschlag getötet worden. Erschütternde Bilder aus Mozambique gingen einmal mehr um die Welt. Eine Frau wird splitternackt von islamistischen Kämpfern auf der Straße wie ein Stück Wild gejagt und dann erschossen. Einmal mehr erscheint aufgrund solcher Gewalttaten der Islam als Religion, die ein Nährboden für Gewalt, Terror und Missachtung von Menschenrechten sei.

In seiner am 4. Oktober 2020 veröffentlichten Enzyklika „Fratelli Tutti“ geht Papst Franziskus gleich zu Beginn auf die Notwendigkeit ein, im Geist des Franz von Assisi den interreligiösen Dialog zu führen. Wörtlich schreibt er mit Blick auf die Begegnung des Heiligen aus Assisi beim ägyptischen Sultan inmitten der brutalen Kreuzzüge: „Es berührt mich, wie Franziskus vor achthundert Jahren alle dazu einlud, jede Form von Aggression und Streit zu vermeiden und auch eine demütige und geschwisterliche ‚Unterwerfung‘ zu üben, sogar denen gegenüber, die ihren Glauben nicht teilten.“

Terror im Namen des Islam ist Blasphemie

Fast sechs Jahre sind seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo vergangen. Gegenwärtig finden die Prozesse in Paris statt. „Die Attentäter von Paris sind Kriminelle … keine Muslime“, „…die Wesenseigenschaft des Islam ist die Sanftmut“ – so hatte der führende Imam aus Paris, Chabbar Taieb, damals formuliert. Jeder Terroranschlag ist tiefste Gottlosigkeit, ist tiefste Unkenntnis vom Wesen des Islam und seinem Glauben an die Allbarmherzigkeit Gottes. Nicht der Glaube an Gott ist bei den abscheuungswürdigen Verbrechen des Daesh, der Shabab-Milizen in Somalia, der Al-Kaida oder von Boko Haram Ursache für die unermesslichen Grausamkeiten, sondern der Unglaube an die Kraft des Göttlichen in den Menschen und in der Welt, die eine Kraft der Liebe, der Vergebung, der Barmherzigkeit und der Sanftmut ist. Dort, wo mit Berufung auf den Namen Gottes gemordet wird, dort wird der Name Gottes missbraucht. Das jüdisch-christlich-muslimische Grundgebot, „du wirst nicht morden!“, hängt vom Wesen dieser drei Religionen mit dem Grundgebot der Gottesliebe und der Heiligung seines Namens zusammen.

Einhellige Verurteilung des Terrors im Namen des Islam

Mit Ausnahme der terroristischen Organisationen, die sich auf den Islam berufen, haben weltweit alle führenden islamischen Repräsentanten und Organisationen einhellig und unmissverständlich immer wieder die Terroraktionen verurteilt. Der gemeinsame Nenner in der islamischen Welt gegenüber dem islamistischen Terror lautet: „Nicht in unserem Namen!“ „Nicht im Namen Gottes!“ Selbst Vertreter von radikalen islamischen Organisationen, wie der Hisbollah, formulierten: „Die Extremisten schaden dem Islam mehr als die Karikaturen.“ Attentate wie jene in Paris schüren die islamophoben Kräfte und Bewegungen.

Meinungsfreiheit und Gewalt

Im Hintergrund des Anschlags von Paris steht wieder die Frage der Meinungsfreiheit und auch dem Recht, Religionen kritisieren zu dürfen. Die Antwort auf Gewalt ist nicht ein Noch-mehr-Gewalt. Französische Karikaturisten haben dies prägnant in ihren Darstellungen auf den Punkt gebracht. So die Karikatur „Marianne 2015“. Das Gemälde von Eugène Delacroix für die Julirevolution 1830 wurde verändert. Die barbusige Frau, die zu einem Nationalsymbol Frankreichs wurde, hält in der linken Hand nicht mehr ein Schießgewehr mit aufgesetztem Bajonett. In den Karikaturen der „Je-suis-Charlie“-Bewegung hält sie in ihrer Linken einen Karikaturstift. Damit soll nicht ausgedrückt werden, dass Worte, Karikaturen oder Satiren Waffen sind, mit denen andere verletzt werden könnten – im Gegenteil: Worte können zur Kommunikation beitragen und die herkömmlichen Waffen überflüssig machen. Worte zählen zur „Waffenrüstung“ Gottes, von denen der Apostel Paulus im Epheserbrief spricht.

Die bleibende Frage: Der Islam und der Frieden

Es bleibt die Frage, ob Anschläge wie jene von Paris oder der Terror in Mozambique nicht doch mit DEM ISLAM in Verbindung gebracht werden müssen. Ich würde zu „positivistisch“ denken, so eine Reaktion auf ein Posting von mir, in dem ich Islam mit Sanftmut in Verbindung brachte. In Diskussionsrunden und bei Vorträgen hörte ich in den vergangenen Jahren immer wieder Bemerkungen wie jene: Wir Christen glauben an Jesus Christus und seinen Gewaltverzicht, was vor allem durch Sterben Jesu am Kreuz zum Ausdruck gekommen sei, etwas, was von den Muslimen abgelehnt würde – oder, um es direkter zu formulieren, etwas, das die Muslime nicht verstehen würden. Hier aber läge letztlich der Schlüssel zum Gewaltverzicht. In einer der führenden katholischen Wochenzeitschriften, „Christ in der Gegenwart“, wurde in dem Leitkommentar Jesus mit dem Propheten Muhammad wie folgt verglichen: „Jesus Christus war ein gewaltfreier, herrschaftskritischer Religionsstifter. Er war kein Kriegsherr und kein Kriegstreiber wie Mohammed. Der Geburtsfehler des Islam liegt in seiner Gründungsfigur, seinem ‚Propheten‘. Das Christentum als von der Wurzel her selbstkritische und herrschaftskritische Religion ist – wie seine (Befreiungs-)Theologie beweist – geistig im Jahr 2014 angekommen, der Islam in breitesten Teilen nicht. Für Letzteres gibt es keine historische Entschuldigung mehr.“ Immer wieder versuche ich – vor allem in der Schule – die friedliche Seite des Islam hervor zu heben, die doch die Mitte dieser Religion ist.

Islam ist Unterwerfung unter den Willen eines barmherzigen Gottes

Ein Muslim bzw. eine Muslima – die sich an Allah richtet – wendet sich in ihrem Glauben an jenen Gott, zu dem auch ein Christ eine Beziehung hat. Daraus folgt: Wenn mein Gott auch Allah ist, dann kann aus meiner christlichen „Unterwerfung“ unter Gott – wenn sie von Gott geleitet ist – doch nichts anderes herauskommen, wie wenn sich Muslime ihrem Gott unterwerfen. Beide sind gleich! Das ist mein Grundansatz, aus dem dann konsequent logisch gefolgert werden kann: Wenn der barmherzige Abba-Gott Jesu Christi Feindesliebe und Gewaltverzicht fordert, so kann der Allah-Gott Mohammeds doch letztlich nicht etwas anderes fordern, es sei denn, dieser Gott leidet an ausgeprägter Schizophrenie. Das gilt in gleicher Weise zumindest auch für das Judentum – meines Erachtens aber für jede Religion. Es gilt also die Formel: Islam = Unterwerfung unter Gott = Unterwerfung unter den Gott der Liebe und Gewaltfreiheit.

Jesus als Prophet und damit Vorbild im Islam

Zuwenig wird meist bedacht, dass für die Muslime auch Jesus als Prophet und damit als Vorbild im Glauben gilt. Damit freilich, so der einfache logische Schluss, ist auch Jesus mit seiner klaren Gewaltverzichtsstrategie und seiner Feindesliebe Vorbild im Glauben für die Muslime.

Gewaltfreie Aspekte im Leben des Propheten Muhammad

Ein Muslim oder eine Muslima orientiert sich am Leben des Propheten Muhammad. Wenn er wirklich ein „Gesandter Gottes“ ist, dann müsste er – in Fortsetzung des zuvor genannten Arguments vom gewaltfreien Gott – auch ein Gesandter der Gewaltfreiheit sein. Damit ergibt sich freilich das Problem der Interpretation des Lebens des Propheten Mohammed. Hier ergeben sich zwei unterschiedliche Interpretationsmuster. Wer dem Islam eine inhärente aggressive und kriegerische Eigenschaft zuschreibt, beschreibt das Leben des Propheten als Feldherr, seine Niederlagen und Siege in den bewaffneten Auseinandersetzungen, oder erwähnt beispielsweise, dass der Prophet einmal den Befehl gegeben hätte, 600 Gegner zu töten. Dem könnte nun das pazifistische Auftreten des Jesus von Nazaret entgegengehalten werden, und schwupps: schon wird wieder die Fahne der Überlegenheit des Christlichen empor gehalten.

Ist aber nicht auch eine vorsichtigere Interpretation des historischen Muhammad möglich, in der die friedensliebende Seite des „Gesandten Gottes“ entdeckt werden könnte? Das Anliegen des Propheten war nicht der Kampf, sondern die Hinführung der Menschen zu Gott und einem gottesfürchtigen Leben. Hier schließt sich der Kreis zum erstgenannten Argument. Bekannt aus der Frühgeschichte des Propheten ist seine Fähigkeit, bei Streitigkeiten zu schlichten. Zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es erst aufgrund der Verfolgungssituation des Propheten und seiner Gemeinde. Immer wieder versuchte der Prophet Frieden zu stiften und sich mit den Mekkanern zu versöhnen. Als Muhammed mit einem großen Heer um 630 nach Mekka zog, fiel die Stadt letztlich ohne Schwertstreich. Der Prophet Muhammed bot den Mekkanern sofort Versöhnung an und verzichtete sogar auf die Besitztümer, die sie zuvor weggenommen hatten. In den 10 Kriegsjahren – so wird geschätzt – hatten die Nicht-Muslime nicht mehr als 250 Tote zu beklagen.

Friedensbotschaften im Koran

Um die aggressiven Absichten des Koran aufzudecken, wird zumeist mit dem so genannten „Schwertvers“, der Sure 9, argumentiert, die den Kampf gegen die Feinde vorschreibt. Solche und ähnliche Stellen werden zum „Totschlagargument“, wenn sie: einseitig aus dem Zusammenhang gerissen und für allgemeingültig betrachtet werden, ohne sie einer Korrektur durch die friedlichen Stellen zu unterziehen und ohne die geschichtlichen Umstände sowie die dahinter stehenden Anliegen ins Kalkül zu nehmen. Tatsächlich muss der der Koran als Chronik der Ereignisse in Arabien während der islamischen Religionsstiftung gelesen werden. Wegen dieser wechselvollen Zeit kann man vom Koran kein konsistentes Konzept zur Bestimmung von Frieden und Krieg erhalten. Historisch gesehen ist es kein Widerspruch, dass es im Koran Verse gibt, die zum Frieden aufrufen, wie auch solche, die nach Krieg rufen. Der Koran ist in gewisser Hinsicht ein arabisches Geschichtsbuch der Jahre 610-632. Alle Koranpassagen, die aus der Zeit vor der Hidjra (622) stammen – also aus der Mekka-Epoche – enthalten keine Aufrufe oder Bestimmungen zum Krieg.

Der Koran enthält viele Stellen, die heute als friedliche Gesprächsstrategie tituliert werden könnten. Es heißt beispielsweise: „Ruf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art.“ (16,125) „Es ist nicht deine Aufgabe, sie rechtzuleiten, sondern Gott leitet recht, wen Er will.“ (2,272) „Und wenn du diejenigen siehst, die auf unsere Zeichen (spottend) eingehen, dann wende dich von ihnen ab, bis sie auf ein anderes Gespräch eingehen.“ (6,68) „… Gott weiß besser, was ihr tut. Gott wird am Tag der Auferstehung zwischen euch über das urteilen, worüber ihr uneins wart.“ (22,67-69) Für das Verhalten der muslimischen Gemeinschaft bedeutet dies, dass sie den so genannten „Ungläubigen“ mit Milde entgegenkommen sollten und nicht als gnadenlose Richter. Der Gewaltausübung werden im Koran klare Vorschriften und enge Grenzen gesetzt. Sie haben das Ziel, nicht Gewalt zu legitimieren, sondern Gerechtigkeit und Frieden durch eine Eindämmung von Gewalt zu erreichen. Zwei Beispiele mögen an dieser Stelle genügen: „Wenn jemand einen tötet, … so ist es, als hätte er alle Menschen getötet. Und wenn ihn jemand am Leben erhält, so ist es, als hätte er alle Menschen am Leben erhalten.“ (5,31) „…wenn die Gegner sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und vertrau auf Gott. Er ist der, der alles hört und weiß: Und wenn sie dich betrügen wollen, dann genügt dir Gott.“ (8,61.62)

Islamische Friedenstheorie

Eine islamische Friedenstheorie beginnt schon mit der Achtsamkeit in der Sprache. Djihad bedeutet demnach nicht „Krieg“, sondern „Anstrengung“. Nicht von ungefähr gibt es im Arabischen ein anderes Wort für Krieg (Harb) und bewaffnete Auseinandersetzung (Qital). Djihad muss deswegen als die „Heilige Anstrengung“ bezeichnet werden – und kann als Eintreten für die Sache Gottes gewertet werden, sprich: für Frieden und Gerechtigkeit. Als Friedensliebende können wir heute zuversichtlich den Blick auf jene Bewegungen und Personen richten, die eine pazifistische und gewaltfreie Interpretation des Islam leben. In diese Richtung lenkt uns auch der Blickwinkel von Papst Franziskus in Fratelli Tutti.

Klaus Heidegger, 17.10.2020

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