Das Himmelreichgleichnis von den klugen und törichten Frauen

fünf kluge Frauen

die erste war klug
ihre Lampe füllte sie mit dem Öl der Lebenslust
sie war bereit für die Fülle des Lebens
hell leuchtet ihr Licht im Hier

die zweite war klug
ihre Lampe füllte sie mit dem Öl der Leidenschaft
sie ließ sich nicht vertrösten auf ein Später
hell brennt ihr Licht im Jetzt

die dritte war klug
ihre Lampe füllte sie mit dem Öl der Begeisterung
sie ließ sich nicht entmutigen
hell leuchtet ihr Licht inmitten von Dunkelheit

die vierte war klug
ihre Lampe füllte sie mit dem Öl der Widerstandskraft
sie ließ sich nicht kleinkriegen
kräftig widersteht ihr Licht dem Gegenwind

die fünfte war klug
ihre Lampe füllte sie mit dem Öl der Liebe
sie ließ sich nicht kleinreden
hell leuchtet ihr Licht

alle fünf waren klug
das große Lebensfest kann beginnen
kein Warten und Vertrösten
sinnerfüllt leben und lieben im Heute

klaus … 7. November 2020

Deutung / Bedeutung:

Bei meinen Besuchen in alten Kirchen und Kapellen sehe ich oft in Fresken aus früher Zeit die malerische Umsetzung des Gleichnisses von den 10 Jungfrauen, die eingeladen waren, bei einem Hochzeitsfest den Bräutigam zu begleiten. (Matthäus 25, 1 – 13 ) Fünf dieser Frauen  werden als töricht bezeichnet, weil sie kein Öl dabei hatten, um ihre Lampen zu füllen, fünf allerdings werden als klug bezeichnet, weil sie auch Öl für ihre Lampen bereit hielten.

Allzu oft wurde wohl dieses Gleichnis im Stil einer Schwarzen Pädagogik verstanden. Jederzeit könnte ja das Gericht kommen – und für jeden kommt es nach dem Tod – deswegen müsse man immer brav sein, die Gebote halten, der Moral entsprechen, damit man dann beim Gericht bestehen kann. Das Himmelreich, von dem in diesem Evangelium die Rede ist, wurde ja zumeist als eine jenseitige Kategorie definiert, in die man nach dem Tod gelangen könnte, wenn man die irdischen Anforderungen dafür erfüllt hätte.

Vielleicht wurde mit dieser Fokussierung auf Jenseitigkeit aber gerade der eigentliche Sinn des Gleichnisses verdreht. In meinem Gedicht möchte ich zum einen zeigen, dass es nicht darum geht, sich auf ein himmlisches Reich im Jenseits zu vertrösten, sondern die Chancen im Jetzt zu ergreifen, oder, um es mit der provokant aufklärerischen Sprache von Heinrich Heine zu formulieren: „Den Himmel überlassen wir den Pfaffen und den Spatzen.“ Zum zweiten wiederum – und damit eben zusammenhängend – geht es bei Himmelswirklichkeit darum, die Fülle des Lebens auszukosten, mit allen Sinnen zu leben, was jedoch nicht gleichzusetzen ist mit einem rücksichtslosen, egoistischen YOLO-Lebensgefühl. Es bedeutet aber den Wert des Lebens darin zu sehen, im Augenblick zu leben und zu handeln, jetzt und immer bereit zu sein, für die vielen kleinen und großen Feste im Leben, ja vielleicht sogar das ganze Leben als ein großes Fest zu begreifen, das aus den Fäden des Himmelreiches gestrickt wird. Das Glück besteht letztlich immer darin, Liebe zu schenken und damit beschenkt zu werden.

 

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