Sinnliche Empfänglichkeit: Nachdenken über das Fest Mariä Empfängnis

  • Nicht länger leibfeindlich!

Diente das Fest „Mariä Empfängnis“ dazu, uns Mirjam von Nazareth einmal mehr noch zu entmenschlichen, würde dieser Festtag mit seinem sperrigen Dogma missbraucht, um alles Sinnlich-Erotische aus der jungen jüdischen Frau zu nehmen, ich würde dieses Fest nicht feiern wollen. Damit würde einmal mehr eine jahrhundertealte leib- und sexualfeindliche und zugleich unbiblische Tradition prolongiert. Das oft falsch verstandene mythische Bild von der Jungfrauschaft, das in das „Hochfest von der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ hineinverstrickt worden ist, ist mehrfach missverständlich. Mit Blick auf eine wertschätzende Haltung gegenüber dem Leiblichen kann es dysfunktional wirken.

  • Nicht länger sexualfeindlich!

Die Zahl jener, die hinter dem Fest am 8. Dezember vermuten, es ginge um die Empfängnis Jesu durch Maria – was sich rein biologisch bei einer durchschnittlich neunmonatigen Schwangerschaft und einer Geburt, die rund 14 Tage später liegt, nicht ausginge – wird größer. Sinnentleerter wird so auch das Fest. Der Begriff „unbefleckte Empfängnis“ tut das seine dazu, um sexuelle Konnotationen zu wecken im Sinne des Narrativs, die Kirche würde mit Sexualität ein Beflecken verbinden. Hinzu kommt noch die Kombination mit „Erbsünde“. Dann sind wir eben bei dem Konstrukt: Jungfrau – unbefleckt – ohne Erbsünde: Achtung Sexualität!

  • Jungfrau ist theologischer Mythos

Tatsache ist jedoch erstens, dass der Titel Jungfrau mit Bezug auf Maria nicht im Sinne einer biologischen Jungfräulichkeit zu verstehen ist. Was ist die wichtigste Botschaft im Christentum? Dass Gott ganz Mensch wird. Das wiederum bedeutet die so notwendige Aufwertung des Menschlichen schlechthin. Im Menschlichen realisiert sich das Göttliche. Das Christentum ist somit keine Abkehr von der Welt und vom Menschen mit all seinen Dimensionen, sondern die radikale Hinwendung. Wir sehen dies auch sinnfällig formuliert in einem anderen Mariendogma: Der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. „Was Maria so anziehend macht, ist ihre Menschlichkeit.“ So steht es in dem Kommentar von Kardinal Christoph Schönborn zum Festtag Mariä Empfängnis am 8.12.2021 in der Krone.

  • Erbsünde sind sündhafte Verstrickungen in Strukturen des Bösen

Zweitens handelt es sich bei der Erbsünde nicht um eine sexuelle Dimension, sondern vielmehr um die Ursünde, die bereits im Adam-Eva-Mythos als Sünde von Rivalität und Gewalt beschrieben wird. Es geht also um sündhafte Verstrickungen in Strukturen und Mechanismen des Bösen.

  • Das Lösen von Verstrickungen

Damit wird aber deutlich, worum es beim Fest Mariä Empfängnis geht: Um die Grunderfahrung – die sich in diesem Dogma verdichtet – dass es möglich ist, wie Maria auszubrechen aus den Teufelskreisen von Gewalt und Gegengewalt, Lüge und Versteckspiel, Feindschaft und Unversöhnlichkeit. Unbefleckt kann heute heißen: Die Freiheit und den Mut in sich zu spüren, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, Feinde zu Freunden zu machen, Unversöhntes in Versöhnung zu führen. Wir haben die Wahl, entweder mitzumachen im Untergang dieser Welt oder durch ein anderes Leben diese Welt zu retten. Niemand zwingt mich, bei einem Onlineriesen steuerbefreit einzukaufen oder ein umweltfeindliches Produkt zu kaufen. Ich bin frei, ökologisch-nachhaltig Schritte zu setzen und so die Luft und die Erde weniger mit Abgasen und Müll zu be-FLECKEN. Jeder und jede von uns ist frei, Nahrungsmittel zu wählen, die nicht mit der Ausbeutung und dem Leid von Tieren verknüpft sind, ist frei, auf Autofahrten weitestgehend zu verzichten und umweltfreundliche Fortbewegungsmittel zu wählen. Wir alle können heute beginnen, einem Menschen, der mich angrantelt, mit einem lächelnden Blick zu begegnen. Mit aller Covid-Vorsicht lassen sich mit einer Umarmung Verkrampfungen lösen.

  • Erwählt zur Befreiung

Der evangelische Sperintendent von Tirol, Olivier Dantine, weist mit Bezug auf Dietrich Bonhoeffer auf einen wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit der Interpretation von der Befreiung von der Erbsünde hin. Wäre Maria schon von der Empfängnis an „erbsündenfrei“ gewesen, dann wäre ihr Befreiungswerk wohl weniger radikal gewesen. Sie hätte gar nicht anders handeln können. Es wäre auch, was die ontologische Qualität der Erbsünde betrifft, gar nicht möglich und würde ihr widersprechen. Daraus folgt, dass die Größe Mariens darin besteht, dass sie sich eben nicht „anstecken“ lässt von dieser Erbsünde, dass es ihr gelingt, anknüpfend an die ganze jüdische Tradition, an die Erzeltern Sarah und Abraham, an die Prophetinnen und Propheten des Alten Bundes, durch ihre Beziehung zur Mutter Anna, zu Elisabeth und all den Frauen und Männern, mit denen sie unterwegs war, vor allem aber auch durch ihren Sohn Jesus, den sündhaften Strukturen und Mechanismen zu widersagen.

In den orthodoxen Kirchen wird daher das Fest von der Empfängnis Mariens weniger missverständlich „Fest der Erwählung Mariens“ genannt. Bibeltheologisch gesehen geschieht die Berufung Mariens durch den Engel Gabriel im Lukasevangelium wie eine typische Prophetenberufung. Da ist der Ruf Gottes, die Auserwählung, dann das Erschrecken über diese Berufung und schließlich die Zusicherung, dass Gott* sie auf diesem Weg unterstützen wird.

Gott* erwählt nicht nur Maria von ihrer Empfängnis an zu einem Leben in Freiheit, zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit sowie zu radikaler Nächstenliebe, sondern wir alle könnten „unbefleckt“ auf göttlichen Wegen wandeln. Dann entdecke ich die bleibende Dynamik hinter dem Fest „Mariä Empfängnis“ in all jenen Bewegungen und Personen, die heute authentisch klimafreundlich leben, die heute beginnen, Reichtümer zu teilen, damit es ein gutes Leben für alle gibt, die heute nicht um sich kreisen, sondern die Nöte ringsherum wahrnehmen und handeln. Es ist möglich!

  • Marienbilder

In unserer religiösen katholisch geprägten Volkskultur gibt es den Brauch, dass beginnend mit dem Hochfest Mariä Empfängnis bis zum Weihnachtsabend ein Marienbild von Haus zu Haus gebracht wird. Das Marienbild verweilt einen Tag in einem Haus und wandert dann zum nächsten. Ich wähle für mich heuer ein Marienbild, das so anders ist als all die vielen, die wir kennen, und werde es in die Klassenzimmer tragen. Edvard Munch hat es in seinem typisch expressionistischen Stil gemalt. Die Madonna wird sinnlich-erotisch dargestellt. Ihre Nacktheit ist Ausdruck ihrer Menschlichkeit. Ganz hell ist ihr Bauch, aus dem ihr Kind geboren wurde. Göttliche Reinheit und Sexualität scheinen zu verschmelzen. In der Sinnlichkeit entdecken wir sowohl die unermessliche Freude als auch das Leid, das es in unserem Leben gibt. Sie macht uns empfänglich empfindsam und zerbrechlich zugleich.

Klaus Heidegger, zum Fest Mariä Empfängnis 2021

 

 

Kommentare

  1. Ja!
    Die Empfängnis Mariens war ganz normal sexuell.
    Man könnte das Fest so auch als Wertschätzung der Sexualität und Fruchtbarkeit interpretieren.
    Die Ikone von Joachim und Anna zeigt zärtliche Annäherung.

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