Schmetterlingsfahrt

Die Welt war an diesem schwülen Sommertag voller kleiner schwarzer Schmetterlinge. Sie suchten links und rechts des Weges in den bunten Sommerblumen am Waldrand und auf Wiesenblumen nach Nektar. Manchmal bremste er sein Mountainbike etwas ab, wenn diese zarten Geschöpfe auf dem staubig-steinernen Weg saßen, denn er wollte keinem von ihnen weh tun. Sie waren Spiegelbild seiner Seele und während er traumversunken die Steigungen oberhalb des Tales hinauf- oder hinunter fuhr, hatte er Schmetterlingsstimmungen in seinem Kopf und Herzen. Er dachte an die Leichtigkeit, mit der sie von Blume zu Blume fliegen konnten und wünschte sich in den Begegnungen mit Menschen diese Leichtigkeit. Er bewunderte ihre symmetrische Form: die Ausgewogenheit von zwei Teilen, eine Harmonie, nach der er sich in seinen Beziehungen sehnte und die fliegen lässt. Er sann über ihre Fähigkeit zur Verwandlung nach: wie aus einem winzigen Ei zunächst eine unansehnliche Raupe wird, dann eine unbewegliche Puppe und schließlich die fliegend schöne Freiheit. Auch der Wunsch nach Metamorphosen in seinem eigenen Leben, in der Kirche und Politik war Teil seiner Sehnsucht: dass Erstarrtes und Eingesperrtes endlich zu flattern beginnen könnten. Er dachte an die Fähigkeiten von Schmetterlingen zu sehen, wie bunt die Welt ist, und mit den Füßchen zu riechen, was leben lässt. Auch er wollte mit allen Sinnen leben können. Er war dankbar, dass es diese Wesen überhaupt noch in Fülle zu sehen gab. Schließlich gibt es auch in seinem Land das große Insektensterben, von dem Schmetterlingsarten nicht ausgenommen sind. Während einer Pause hielt er sein Rad an. Ein kleiner brauner Schmetterling setzte sich sanft auf seinen linken Unterarm und klappte die Flügel zu, als wollte er auf dem von der Sonne gebräunten und salzig schmeckendem Untergrund verweilen. „Du bist mein Freund“, sagte der Radfahrer leise, „ich will mich weiterhin bemühen, deine bedrohten Habitate zu schützen.“ Und es war, als flüsterte ihm der Schmetterling zu: „Habe Mut zu fliegen! Gib deine Träume nicht auf.“ Jetzt musste der im Radlauf Unterbrochene an all die romantischen Lieder denken, die von butterflies singen und verliebten Blicken oder von Geborgenheit in einem Du. Vielleicht hat Gott* die Schmetterlinge dafür erschaffen. Er hörte den Lärm, der wie eine große Glocke über der Stadt hing und hatte in sich einen Ohrwurm von einem Song von Sheryl und Sting „butterflies are free to fly and so they fly away – But is there some place far away, some place where all is clear. Easy to start over with the ones you hold so dear. Or are you left to wonder, all alone, eternally …” Der Schmetterling breitete die Flügel aus – und es war, als bildeten sie dabei ein Herz. Der Radfahrer stieg auf sein Mountainbike. Der warme Wind trocknete schnell die Tränen, als er die nächste Steigung hinunter fuhr vorbei an hunderten schwarzen Schmetterlingen.

klaus.heidegger … 27.7.2022

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