
„Selig sind die Friedensstifter! Wehe jedoch denen, die die Religionen und selbst den Namen Gottes für ihre militärischen, wirtschaftlichen und politischen Zwecke verbiegen und damit das Heilige in Schmutz und Finsternis ziehen!“
Leo XIV. in Bamenda, Kamerun, am 17.4.2026
- Die päpstliche Kernbotschaft in drei Worten
„Unbewaffnet entwaffnender Frieden“ ist eine geniale Begriffskombination. Sie schafft es, eine komplexe Wirklichkeit in kürzest möglicher Form auf den Punkt zu bringen.
Da ist zum einen der eindeutig programmatische Begriff „unbewaffnet“. Unbewaffnet erinnert an das Motto der Friedenskundgebungen, an denen ich vor Jahrzehnten in Zeiten der NATO-Nachrüstung teilgenommen hatte. Dort hieß es: „Frieden schaffen ohne Waffen“. Der Begriff „unbewaffnet“ drückt zugleich noch mehr aus. Zum einen steckt in diesem Adjektiv eine Eigenschaft und eine Haltung. Es könnte auch als Partizip verstanden werden, das sich vom Verb „unbewaffnen“ bzw. von der Seinsbestimmung „nicht bewaffnet sein“ ableiten ließe. In der Muttersprache von Papst Leo heißt der Begriff „unarmed“. Es heißt nicht „disarmed“. In unbewaffnet (unarmed) steckt die Freiwilligkeit. Man wird nicht gezwungen, keine Waffen bei sich zu haben. „Disarmed“ wäre beispielsweise dann der Fall, wenn jemandem eine Waffe weggenommen wird. Unarmed hingegen ist die freiwillige Entscheidung, ohne Waffen zu leben. Es geht also in einem ersten Schritt nicht um einen „entwaffneten“ Frieden, wie es in ungenauen Übersetzungen manchmal auch heißt. Freilich bedeutet es nicht „wehrlos“ zu sein. Die Kampagnen des Bund für Soziale Verteidigung lauten programmatisch „wehrhaft ohne Waffen“. Unbewaffnet als Seinseigenschaft ist der Einstieg in eine andere Lebenshaltung und Politik, die auf Waffen verzichtet und aus der dann der Prozess der Entwaffnung folgt. Aus der strategischen Logik des „unbewaffnet sein“ folgt die Strategie und Dynamik der Entwaffnung.
Entwaffnend als Partizip von „entwaffnen“ ist die aktive und logische Konsequenz, die mit „unbewaffnet“ verknüpft ist. Wer selbst unbewaffnet ist, steigt ein in die Logik des Entwaffnens. Im politischen Jargon wird von einer „Abrüstungslogik“ gesprochen. Ein zentrales Motiv stammt aus der Hebräischen Bibel. Dort heißt es, dass „Schwerter in Pflugscharen und Lanzen in Winzermesser umgeschmiedet“ werden sollen. Es ist die Logik, den Feind zu „entwaffnen“, es ist die Logik der Bergpredigt, die Feinde so zu lieben, dass sie von selbst ihre Waffen fallen lassen; es ist die entwaffnende Logik der paradoxen Intervention der „rechten-linken-Backe“-Kombination und der zusätzlichen Meile. In politische Sprache übersetzt ist es die Friedensdividende. Statt die Milliarden in Rüstung zu stecken, werden die Mittel für soziale, bildungspolitische oder ökologische Ziele verwendet.
Unbewaffnet entwaffnend kann dann so mit dem Nomen Frieden in Verbindung gebracht werden. Das heißt: Frieden entsteht aus dem Prinzip „unbewaffnet entwaffnend“. Frieden und Sicherheit beruhen dann nicht auf einer Ansammlung von Waffen und Rüstungsgütern und einer militärischen Abschreckung oder Kriegsführung, sondern auf dem ganzen breiten Instrumentarium nicht-militärischer Sicherheits- und Friedenspolitik. Dazu zählen zum Beispiel Konzepte einer Sozialen Verteidigung vor allem aber eine Friedenspolitik im Rahmen internationaler Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der OSZE auf europäischer Ebene.
- Leos entwaffnende Botschaft bei seinem Papstbesuch in Afrika
„Die Kriegsherren tun so, als ob sie nicht wüssten, dass ein Augenblick genügt, um zu zerstören, dass aber oft ein ganzes Leben nicht ausreicht, um wiederaufzubauen. … Sie tun so, als sähen sie nicht, dass Milliarden von Dollars verbraucht werden, um zu töten und zu verwüsten, dass man jedoch nicht die Mittel findet, um zu heilen, zu erziehen und wiederaufzurichten.“ (Leo XIV. in Bamenda)
In der zweiten Osterwoche besuchte Papst Leo einige afrikanische Staaten. Diesmal konnte ich mir Zeit nehmen, seine Reden, Ansprachen und Begegnungen genau zu verfolgen. Ich gestehe: Manchmal hatte ich fast Tränen in den Augen, weil ich merkte: So klar und deutlich sollten die Mächtigen dieser Welt reden und handeln. Leo XIV. scheut sich nicht, die politischen Verantwortungsträger klar anzusprechen. Die Polemiken der Trump-Regierung führten darauf zu noch mehr internationaler Aufmerksamkeit.
Da war zunächst der Besuch in Algerien. „Die Welt dürstet nach Frieden. Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen!“ In Algier setzt der Papst vor allem auf den Dialog der Religionen, der zum Frieden beitragen könnte.
In Kamerun besuchte der Papst im Nordwesten die Stadt Bamenda und ebendort ein Zentrum, in dem für Frieden gearbeitet wird. Wen Leo XIV. meinte, als er den Missbrauch religiöser Symbole für politische Propaganda verurteilte, war klar. Er musste den amerikanischen Präsidenten, der sich selbst in KI-Bildern in der Pose von Jesus Christus sieht, nicht nennen. Leo sagte, wer Gott für militärische oder wirtschaftliche Interessen missbrauche, beschmutze das Heilige und verhöhne Millionen Gläubige. In der gegenwärtigen Machtpolitik liege eine zerstörerische Logik. Es dauere nur Sekunden, Städte in Schutt zu legen, doch Jahrzehnte, um sie wieder aufzubauen. Milliarden flössen in Waffen, Raketen und Drohkulissen, während Schulen, Krankenhäuser und humanitäre Hilfe leer ausgingen. Der Papst redete den „masters of war“ – so seine Bezeichnung, die an den Titel eines Songs von Bob Dylan erinnert – ins Gewissen.
- Botschaft von Papst Leo zum Friedenstag 2026
Immer wieder greift Papst Leo sein Motiv vom „unbewaffnet entwaffnenden Frieden“ auf. „Die Welt wird nicht durch noch mehr Waffen gerettet …“ So begann Papst Leo seine Ansprache zu Beginn des Jahres 2026. Es sollte ein „Jahr des Friedens“ werden. An diesem Tag wurde auch die Botschaft des Papstes zum Weltfriedenstag offiziell verkündet. Es gelte, die Logik von Gewalt und Krieg abzulehnen und sich für einen echten Frieden einzusetzen, der auf der Logik von Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit aufbaue. Es müsste ein Frieden sein, der nicht auf Angst und Drohung und damit auf Waffen und ihren Systemen aufbaut. Jede Form von sichtbarer oder systemischer Gewalt müsse abgelehnt werden. Schon zuvor rief der Papst auf: „Entwaffne deine Hand und noch zuvor dein Herz. Der Friede ist unbewaffnet und entwaffnend. Er ist keine Abschreckung, sondern Geschwisterlichkeit, kein Ultimatum, sondern Dialog. Er wird nicht als Ergebnis von Siegen über den Feind kommen, sondern als Ergebnis der Aussaat von Gerechtigkeit und mutiger Vergebung.“ Augustinermönche wie Papst Leo XIV. wollen bewusst in der Tradition des Apostels Paulus stehen. In seinen Briefen hat dieser eine friedenspolitische Steilvorlage gegeben. Seine Metapher ist die Rüstung Gottes. Wer sich den Gürtel der Wahrheit und den Brustpanzer der Gerechtigkeit anlegt, wer in die Schuhe des Friedens schlüpft und das Schild des Glaubens und das Schwert des Geistes nimmt und am Kopf den Helm des Heils trägt, der wird stark und standhaft sein im Kampf gegen die Mächte des Bösen.
- Unbewaffnet entwaffnend als Antithese zu einer Kriegswelt
Die Botschaft vom unbewaffnet entwaffnenden Frieden findet in einem historischen Kontext statt, in der mächtige Nationen wieder auf Krieg setzen und weltweit gigantische Aufrüstungsprozesse laufen. Leos Ansage ist daher eine prophetische Kritik mit klaren Adressaten. Beim Palmsonntagsgottesdienst sagte Leo: „Gott hört nicht auf die Gebete derer, die Krieg führen.“ Wen er meinte, war klar: Der US-amerikanische Kriegsminister Pete Hegseth betete, dass die Kugeln der amerikanischen Soldaten gut treffen mögen.
Seit seinem Amtsantritt hat sich Papst Leo gegen jeden der aktuellen Kriege gewendet und immer wieder neu zu Waffenstillstand und einer Rückkehr zur Diplomatie aufgerufen. Zuletzt hatte der Papst mit deutlichen Worten den US-amerikanisch-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran verurteilt und als völkerrechtswidrig bezeichnet. Wenn US-Präsident Donald Trump und sein Kriegsminister Pete Hegseth ihre Kriegspolitik mit religiösen Bezügen legitimieren, spricht der Papst von einem blasphemischen Missbrauch der christlichen Botschaft. Mit Leo hatten die meisten katholischen US-Bischöfe die respektlosen Attacken des US-Präsidenten auf Papst Leo klar verurteilt.
- Unbewaffnet entwaffnend entspricht der pazifizierenden Logik der Kriterien von einem „gerechten Krieg“
Wenn argumentiert wird, dass die Lehre vom gerechten Krieg keine Bedeutung mehr hätte und aufgegeben werden müsste, dann greift dies wohl zu kurz. Die klassischen Kriterien für ein „jus ad bellum“, wie sie von Augustinus über Thomas von Aquin entwickelt wurden und weiterhin im Katechismus der Katholischen Kirche zu finden sind, können jedoch gerade jetzt nützlich sein, um jeden Krieg zu verbieten. J.D. Vance argumentiert mit einem Verweis auf die Möglichkeit eines gerechten Krieges gegen den Papst. Wörtlich sagte Vance: „Wie kann man sagen, dass Gott niemals auf der Seite derjenigen steht, die das Schwert führen?“. Dann maß er sich sogar an, die theologische Kompetenz des Papstes in Frage zu stellen. Er sagte: „So wie es wichtig ist, dass der Vizepräsident der Vereinigten Staaten vorsichtig ist, wenn er über Fragen der öffentlichen Politik spricht, ist es sehr wichtig, dass der Papst vorsichtig ist, wenn er über Fragen der Theologie spricht. … Man muss sicherstellen, dass es in der Wahrheit verankert ist.“ Was Vance in seiner oberflächlich-populistischen Art aber nicht machte, war ein klarer Bezug auf die festgelegten Kriterien des Gerechten Kriegs.
Dieser müsste erstens von einer verantwortlichen Autorität ausgehen. Das würde gemäß UN-Charta eine Autorisierung des UN-Sicherheitsrates bedeuten. Der US-israelische Angriff hatte keine entsprechende Legitimität.
Ein Krieg dürfte zweitens nur das letzte Mittel sein. Zuvor müssten also wirklich alle nicht-militärischen Mittel ausgeschöpft sein. Im Falle des zweiten Irankrieges war es offensichtlich nicht der Fall. Der Angriff kam inmitten der Verhandlungen, die auf Vermittlung des Oman durchgeführt worden waren. Man war kurz vor einem Vertragsabschluss.
Ein Krieg dürfte drittens nur in rechter Absicht erfolgen. Das würde beispielsweise bedeuten nur im Falle einer Selbstverteidigung.
Viertens wäre ein Krieg nur dann gerechtfertigt, wenn er auch Aussicht auf Erfolg hätte. Der Verlauf des Krieges im Iran zeigte, dass er die ganze Region nur noch weiter in ein Chaos stürzte.
Fünftens dürften auch die eingesetzten Mittel nie überproportional sein. Die Mittel müssten angemessen sein. Damit verbunden sind die Kriterien eines „jus in bello“ – das heißt die Pflichten und Regeln, die in einem Krieg eingehalten werden müssten. Unter anderem bedeute es, ganz im Sinne auch des Kriegs- bzw. Völkerrechts, dass unter der Zivilbevölkerung kein Schaden angerichtet werden dürfe, dass also zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten klar zu unterscheiden sei. Gerade die moderne Waffentechnologie und damit einhergehend die moderne Kriegsführung macht aber eine solche Unterscheidung kaum mehr möglich. Zusätzlich verursacht der US-israelische Angriffskrieg eine enorme Beschleunigung der Klimakrise.
Mit Blick auf diese Kriterien folgt, dass – so wie es schon Papst Franziskus in seiner Enzyklika Fratelli tutti schrieb, ein Krieg heute nicht mehr gerechtfertigt werden könne – und in diesem Sinne gibt es auch keinen gerechten Krieg mehr. Es bleibt nur mehr die „unbewaffnet entwaffnende Logik“ als friedensethische Perspektive.
Klaus Heidegger