Grenzenloses und ein Grenzstein zwischen Graz und Maribor

Entlang der Mur

Mit Rennrad von Graz nach Maribor. Zwei Städte, die auf einer Radstrecke weniger als 70 Kilometer auseinander liegen. Wir starten etwas außerhalb von Graz. Der Murradweg hat uns bereits in der Stadt mehrmals gedient. Irgendwann möchte ich diesen Flussradweg von seiner Quelle im Lungau bis nach Legrad in Kroatien fahren, wo die Mur in die Drau fließt. 453 Kilometer sind es.  Für uns geht es heute nur kurz der Mur entlang. Bei Ehrenhausen zweigen wir ab in den Süden. Weinberge und Hügel markieren das Grenzland zwischen Österreich und Slowenien. Die wenig befahrene Straße nennt sich passend „Grenzland-Weinstraße“. Ein Weingut steht knapp vor der Grenze. Darunter Weinberge.

Grenzstein

Ein schlichter weißer Grenzstein steht an der Grenze. Leicht zu übersehen. „St. Germain 10. September 2019“ steht darauf. Er erinnert an die Friedensverträge nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs. Gebiete wie Slowenien oder, mir näher, wie Südtirol, wurden von der nun Ersten Republik abgetrennt. Nun war hier im Süden der Steiermark die Grenze Österreichs und nicht mehr weit unten wie zur Zeit der K&K-Monarchie am Balkan. Die Nationalsozialisten unter Hitler ignorierten viel später diesen Friedensvertrag. Er sei eine Schande. Und heute: Rechtspopulistische Kräfte mit FPÖ-Bezug stellen die Südtirol-Autonomie in Frage, wie kürzlich anlässlich der Feier zum 80-Jahr-Jubiläum zum Gruber-De-Gaspari-Abkommen. Heute kann ich ohne Dokumente zwischen der Steiermark und Slowenien pendeln. Es ist seit 2004 ein EU-Raum geworden. Es ist seit fast 20 Jahren ein Schengen-Raum. Es sind die guten Seiten der EU. Kurz denke ich noch an die Zeit, als ich beim Grenzübergang zwischen Österreich und dem damaligen Jugoslawien in meinen Reisepass von grimmig blickenden Grenzbeamten einen Stempel bekam. An der heute unkontrollierten Grenze dann eine Tafel mit dem grünen Herz der Steiermark und dahinter die blaue EU-Tafel mit ihren gelben Sternen und in der Mitte der Schriftzug „SLOVENIJA“. Ich war damals, als Slowenien nach dem 10-Tage-Krieg sich seine Unabhängigkeit erkämpfte, in Wien in friedensbewegten Kreisen. Wir unterstützten das Balkan Peace Team und erhofften uns eine friedliche Neuschöpfung Jugoslawiens ohne kriegerische Gemetzel. In Slowenien war es bald möglich, in Kroatien und Bosnien-Herzegowina später nicht mehr. Der Schlächter von Sebrecina, Ratko Mladic, starb vor einigen Tagen und erhielt von Teilen der Bevölkerung in Belgrad fast ein Staatsbegräbnis wie für einen Volkshelden. Viel Zeit für all mein Nachdenken über Krieg und Frieden, über Wege der Gewalt und der Gewaltfreiheit bleibt nicht. Maribor, die Stadt an der Drau mit einer historisch-malerischen Altstadt, ist nach weniger als 20 Kilometern schon erreicht.

Maribor

Renaissance-Gebäude am Hauptplatz, die Domkirche aus dem 15. Jahrhundert, Brücken über die Drau und ein Mittagessen mit typisch slowenischen Gerichten in irgendeinem der kleinen Lokale in irgendeiner Straße. Es sind keine protzigen Straßen mit protzigen Geschäften. Die Stadt wirkt einfach und klar in ihrer Einfachheit. Die imposante Drau teilt die Stadt in zwei Hälften, die von vielen Brücken verbunden werden. Von hier wäre es möglich, den Drauradweg hinauf bis nach Toblach zu fahren. Vielleicht ein anderes Mal.

Retour nach Leibnitz

Eine kurze Spritzfahrt wird die Rückfahrt. 35 Kilometer mit teils kräftigem Rückenwind und 330 Anstiegsmetern. Von Ehrenhausen weg nun eine andere Route und entlang von Auwäldern und der Sulm hinein nach Leibnitz. Herbst mit früher Dunkelheit und Herbstkühle. Da passt es, von Leibnitz die S-Bahn zurück in die Stadt Graz zu nehmen.

Österreich und Slowenien sind sich sehr nahe. Das tröstet in einer Zeit nationalistischer Spaltungen und völkischer Irritationen. Nach all den Kriegen der Vergangenheit um Territorien und nach all der Zeit narzisstisch-größenwahnsinniger Volksverführer ist zumindest in Slowenien heute ein demokratisches System entstanden. Das tröstet in einer Zeit, die geprägt ist von Kriegen und Aufrüstung. Wenn ich allerdings daran denke, dass der gegenwärtige Ministerpräsident Sloweniens, Jansa, gute Kontakte zur Identitären Bewegung pflegt, demokratische Grundrechte einschränkt und den menschengemachten Klimawandel leugnet, dann hat auch das NATO-Land Slowenien für mich eine gefährliche Richtung eingeschlagen, die zum Blau im nördlichen Nachbarland passt.

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