Antifaschismus in einem Kirchenfenster: Hitler und Mussolini in der Stadtpfarrkirche von Graz

Ich lasse mich fallen und ziehen in das historische Zentrum der steirischen Landeshauptstadt und lasse mich überraschen, über was da meine stets suchende Seele und forschende Neugier stolpert, um Geschichte zu verstehen und daraus die Gegenwart. Ich bleibe gleich hängen in einem Kirchengebäude, dessen Uhr gerade die Mittagszeit schlägt, und verweile darin. Kirchengebäude erzählen so viel von Geschichte und Religion und theologischen Konzepten.

Die heutige Stadtpfarrkirche zum Heiligen Blut in der Herrengasse ist das erste Bauwerk meines Schlenderns durch die Grazer Innenstadt. Die barocke Fassade in der belebten Geschäftsstraße lässt den reinen gotischen Bau im Stil der Bettelorden dahinter nicht vermuten. Bettelordensgotik wird dieser Stil genannt. Hier war einst die „Judengasse“ – doch die Juden wurden 1439 vom Kaiser und seinen Lakaien aus der Stadt vertrieben und den Dominikanern wurde gewährt, an dieser Stelle eine Kirche zu bauen. Dass auch ihr „dominus“ ein Jude war, schien ihnen kein Widerspruch zu ihrer Mittäterschaft am Judenpogrom zu sein. 500 Jahre später brannte die Synagoge von Graz und wurde die steirische Landeshauptstadt „judenrein“ gemacht. Warum aber heißt die Stadtpfarrkirche „zum Heiligen Blut“?  Eine Brücke zu den alten antisemitischen und antijüdischen Legenden, demnach Juden immer wieder einen Blutfrevel begangen hätten, legt sich aus historischer Sicht nahe. Als Theologe sehe ich die ganze Bluttheologie – demnach die Menschen durch das Blut Jesu Christi erlöst würden – auch darüberhinaus äußerst kritisch.

Nachdenkend sitze ich ganz vorne in der Apsis und lasse den Raum mit seiner Stimmung und seiner Geschichte auf mich wirken. In den 50er-Jahren wurden die Fenster der von Bomben teils zerstörten Kirche vom Künstler Albert Birkle geschaffen. Sie stellen Passionsszenen – passend zum Patrozinium vom Heiligen Blut – dar. Im linken Fenster wird Jesus von grimmigen Gestalten geschlagen und verhöhnt. Unter ihnen sind unverkennbar auch zwei braune Gestalten: Hitler und Mussolini. Birkle selbst wurde in der Nazizeit verfolgt und seine Kunst als „entartet“ gebrandmarkt. Seinem Abscheu gegenüber dem Faschismus hat Birkle hier eine religiöse Interpretation gegeben. Antifaschismus im Kirchenfenster. Am Ende, so die religiöse Bildsprache des expressiven Lichtfarben-Rausches, steht aber nicht der Tod, sondern der auferstandene Christus in der Mandorla. In diesem Sinne wurde die Synagoge von Graz ganz neu wieder aufgebaut. In diesem Sinne sitzt im Rathaus von Graz eine unverdächtig antifaschistische Bürgermeisterin. Mein nächster Weg wird mich über die Herrengasse ins Rathaus führen. Ebendort finde ich vor den Amtsräumen die „Menschenrechtserklärung“ der Stadt Graz. Sie soll das Leitprinzip hinter der Politik der Stadtregierung und des Gemeinderates sein. Fahnen vor dem Rathaus kündigen schon den „Tag der Religionen“ an, hinter dem Elke Kahr als Bürgermeisterin steht. Der dialektische Materialismus eines Karl Marx scheint sich damit in vieler Hinsicht zu bewahrheiten.

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