
„Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben…“ Es sind die Worte der Bergpredigt von Matthäus, die in die Festtage von Allerheiligen und Allerseelen begleiten. Es sind dann Worte, die politisch bedeutsam werden, wenn sie in die konkret-politische Wirklichkeit hineingelesen werden.
Von „unbewaffnet entwaffnenden Wegen“ schrieb und sprach Papst Leo XIV. zu Beginn des Jahres 2026 in seiner Neujahrsbotschaft. „Unbewaffnet entwaffnend“ ist die pazifistische Losung, die der oberste Chef der katholischen Kirche vorgibt. Beim interreligiösen Friedenstreffen in Assisi wurde diese Botschaft bekräftigt. Im Friedensappell zum Abschluss dieses Treffens am 27. Oktober 2026 wird „Kreativität des Dialogs und Mut zum Frieden, um die Welt von Krankheit des Krieges zu heilen“ gefordert. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Welt in den internationalen Beziehungen endgültig der Logik des Krieges und des Konflikts erliegt“, so die Religionen. „Lasst uns Waffen- und Rüstungsausgaben in Wasser, Nahrung, Bildung, Arbeit, saubere Luft, in lebenswerte Städte für alle Generationen und für alle zugängliche Gesundheitsversorgung umwandeln.“ Insbesondere gelte es, die Welt „vom nuklearen Albtraum“ zu befreien und die gefährliche Abwärtsspirale der Wiederaufrüstung zu stoppen. „Entweder gelingt es uns, den Kriegen ein Ende zu setzen, oder die Kriege werden tatsächlich der Menschheit ein Ende bereiten.“
„Bewaffnet bewaffnende Wege“ ist die Losung, die von den Staatseliten Österreichs vorgegeben wird und im Kontext des Nationalfeiertags 2026 landauf landab lautstark und kostspielig zelebriert wurde. Längst schon wurde jener Tag, an dem die österreichische Neutralität gefeiert werden sollte, zum Tag des Militärs stilisiert.
Alle scheinen mitzuspielen. Der ORF spielt mit. Ein ganztägiges Sonderprogramm berichtet vom Militärspektakel am Heldenplatz. Kritische Anfragen an dem militärischen Aufbauprogramm des Bundesheeres gibt es nicht. Der ORF, dem ich ansonsten in vieler Weise dankbar bin, wird zum Propagandasender des Bundesheeres. Eine Pressekonferenz findet zum Auftakt des Nationalfeiertages statt. Weiße Partytische stehen vor den Kampfpanzern. Die Medienvertreter hatten keine Fragen bei dieser Pressekonferenz.
Das Bildungsministerium spielt mit. Es läuft unter der Überschrift der „Geistigen Landesverteidigung“. Ab dem Schuljahr 2026/27 sind die Themen „Bundesheer“ und „Umfassende Landesverteidigung“ im Lehrplan der 8. Schulstufe in „Geschichte und Politische Bildung“ verpflichtend verankert. Schülerinnen und Schüler und Schulklassen werden gezielt eingeladen, um das Militär „hautnah“ zu erleben. Für die Altersstufe der 10- bis 12-Jährigen wurde ein eigenes „Kinderbuch“ herausgegeben. Darauf war die Verteidigungsministerin auch dieses Jahr besonders stolz und präsentierte es vor Mittelschulklassen, die in den Fliegerhorst Langenlebarn eingeladen worden waren. Die Kinder wurden nach diesem Lesestoff auch mit Köstlichkeiten aus der „Truppenküche“ belohnt. Ich frage mich: Was geht in den Köpfen der Kinder wohl vor? Ich hätte meine Kinder wohl an diesem Tag nicht in die Schule – das heißt in die Kaserne – gehen lassen. Ich hätte als Entschuldigung geschrieben: Meine Kinder sollen nicht die Sprache der Waffen, die Sprache der Gewalt lernen.
Alle im Parlament vertretenen Parteien spielen mit. Selbst die Grünen haben längst ihre gewaltfreien Optionen abgelegt. Man ist im Abtausch zu noch gröberen Verschlechterungen für den Zivildienst bereit, die Wehrpflichtzeitverlängerung in Kauf zu nehmen. Kritik gegenüber dem Aufbauplan des Bundesheeres gibt es nicht. Der Zusammenhang zwischen dem Hauptanliegen der Grünen – Klimaschutz – und dem enormen CO-2-Fußabdruck des Heeres wird nicht hergestellt. Der Bundespräsident spricht von der Notwendigkeit eines „verteidigungsfähigen Bundesheeres“. „Verteidigungsfähig“ ist die österreichisch-euphemistische Formulierung dessen, was in Deutschland als „kriegstauglich“ bezeichnet wird.
Die offizielle Kirche spielt mit. Am Heldenplatz findet sich auch die Militärseelsorge ein. Würden die Appelle von Friedenstreffen – siehe ganz oben – oder würde das ständige Mahnen von Papst Leo ernstgenommen, so würde es in konkrete Worte umgesetzt. Nichts aber lese ich von der Kirchenleitung, wenn die Wehrpflichtzeitverlängerung beschlossen wird und dabei die Benachteiligung des Zivildienstes fortgesetzt werden wird. Kein bischöfliches Wort wird laut gegenüber der geplanten Verdoppelung des Wehrbudgets und massiver Aufrüstungsschritte im österreichischen Bundesheer, während beispielsweise im Bildungsbudget gespart werden soll.
Was also bedeuten die Worte, „keine Gewalt anzuwenden“ – das heißt auch: nicht die Mittel der Gewalt zu erlernen? Was bedeuten sie angesichts von Gewaltausbrüchen im Kontext der zumeist friedlich demonstrierenden Menschen in europäischen Städten? Keine Gewalt gilt für jede Demonstration und jeden Protest und es ist notwendig, auch die friedlich demonstrierenden Massen zu sehen, den mutigen Aufbruch der Generation Z, deren berechtigte Anliegen durch verstörende Bilder von klirrenden Fensterscheiben, brennenden Mullkübeln und vermummten Gestalten in den Hintergrund treten. „Selig, die keine Gewalt anwenden …“, mit diesen Worten öffnen sich der Himmel und die Seligkeit.