
Prolog: Schiller als intellektueller Wegbegleiter
Einige der Dramen von Friedrich Schiller gehörten zu meiner Gymnasialzeit zur Pflicht-Schullektüre. Als Teenager ließ ich mich von den „Räubern“ politisch sozialisieren und meine Verliebtheiten verknüpfte ich mit „Kabale und Liebe“. Später als Lehrperson saß ich bei den Maturaprüfungen und hörte den Schülerinnen und Schülern zu, wenn sie über die Bedeutung der Weimarer Klassik oder über die Merkmale des Sturm und Drang geprüft wurden. Aktualisierungen wurden dabei kaum vorgenommen. Es wurde nicht kompetenzorientiert gefragt, was die Werke des deutschen Dichterfürsten für die politische Situation heute bedeuten würden. Großartige Werke, die im Kleindruck in gelbe Reclambüchlein gepresst waren, wurden so allzu schnell mit ausrangierten Schulheften in Papiercontainern entsorgt.
Anhand von „Maria Stuart“, das im Tiroler Landestheater in den Kammerspielen in der Spielsaison 2026/27 am Programm steht, möchte ich aber dieser Frage der Kontextualisierung nachgehen – und gleich spoilern, dass die Inszenierung in Innsbruck bewusst eine Verbindung ins Heute wagt, ohne dabei aber die Textvorlage zu verbiegen. Folgende Aspekte sind mir dabei wichtig, die zugleich einen inneren logischen Zusammenhang aufweisen
1.) Gefangensein in Systemen
„Die Könige sind nur Sklaven ihres Standes/
Dem eigenen Herzen dürfen sie nicht folgen.“ (Königin Elisabeth)
Die Systemkritik von Schiller hat nichts gemein mit jener plump-populistischen und grölenden Systembeschimpfung von Herbert Kickl & Co. Das Stück „Maria Stuart“ deckt auf, wie sehr wir alle, die Herrschenden wie die Beherrschten, in systemischen „Kerkern“ gefangen sind. In der Inszenierung des Tiroler Landestheaters wird dies im Bühnenbild genial wiedergegeben. Die Protagonistinnen und Protagonisten befinden sich in einer Art Käfig, dessen Gitterstäbe von vertikalen goldenen Ketten gebildet werden. Sie sind Gefangene des Scheins und wissen doch zugleich, wie das echte Leben sein könnte.Das
2.) Recht folgt der Politik
Die Dramaturgin der Produktion, Sonja Honold, fragt in der Werkseinführung zum Stück: „Wann wird Recht zum bloßen Instrument der Politik?“ Die Frage wird gestellt in einem Kontext, in dem Herbert Kickl vor einiger Zeit seine politische Einstellung mit der Formel selbst auf den Punkt brachte, dass das „Recht der Politik folgen müsse und nicht die Politik dem Recht“. Dass ein solches Politikverständnis Tür und Tor öffnet für kriminelle Machenschaften, für Korruption im Stil der Ibiza-Affäre, für rücksichtsloses Durchsetzen der eigenen Interessen bis hin zur Anwendung politisch motivierter Gewalt, das deckt Schiller in seinem Schauspiel auf. Die schottische Königin lässt ihren eigenen Ehemann ermorden und den Mörder in einem Scheinprozess wiederum freisprechen, um ebendiesen heiraten zu können. Als Gegangene in England wird ihr kein fairer Prozess gewährt. Schiller dekonstruiert das vermeintliche Recht als „Schein-Recht“. Im Hofstaat der Königin geht es nicht um Recht, sondern um Durchsetzung von Machtinteressen.
3.) Die Konstruktion und die Pflege von Feindbildern
Frankreich ist böse, England ist gut. Die Katholiken sind gut, die Protestanten sind böse und umgekehrt. Die Stuarts sind böse und die Erbfolge des englischen Königs ist gut. All dies gilt wechselseitig. Die jeweils andere Seite wird verdächtigt, sich illegitim an die Macht bringen zu wollen. Und heute in den nationalistischen Narrativs der Rechtspopulisten: Die Migranten sind böse und gefährlich und die autochthone Bevölkerung ist gut. Solches Denken schafft Identität im Stile der Identitären, grenzt aus und endet in Hinrichtungen. Die Religionen können dabei noch so hingebogen werden, dass sie dieses Feindbilddenken verstärken. Die Stuarts als die wahrhaft Katholischen, Königin Elisabeth auf der Seite jener, die mit Rom gebrochen haben. Und heute: Der Islam sei böse, das Christentum sei die wahre Religion für das Abendland. Das ist der Stoff für Tragödien – von Schiller bis ins Heute.
4.) Die Stimme des Volkes kann auch mörderisch sein
Einerseits will die Königin Elisabeth ihre Gefangene nicht töten – und unterschreibt doch das Todesurteil. Es ist die vox populi, die sie angeblich dazu antreibt. Das Volk will es. Sie ist die „Volkskanzlerin“ des 16. Jahrhunderts. Machterhalt und Empathie vertragen sich nicht. Elisabeth folgt der Rationalität, die Elon Musk als sein philosophisches Credo ausgibt. Öfters schon hat der Tech-Milliardär Empathie als „Schwäche“ bezeichnet oder als „zivilisatorischen Selbstmord“.
5.) Mimesis und Rivalität aufgedeckt
Mein Dogmatikstudium an der Katholischen Fakultät der Universität Innsbruck war geprägt vom hermeneutischen Ansatz der mimetischen Theorie, die insbesondere von Rene Girard entwickelt worden war und von meinem Dogmatikprofessor Raymund Schwager als bedeutsamer Referenzrahmen für die Christologie angewendet worden war. Mimesis wird ein Begehren genannt, wenn zwei Menschen das gleiche Objekt oder die gleiche Person anstreben, die es nur einmal gibt. Dabei ist es meist so, dass die Mimesis durch Nachahmung ausgelöst wird. Daher folgt aus der Mimesis dann die Rivalität und diese wiederum kann zu Mord und Totschlag führen. Ebendiese wechselseitige Gewalt kann aber verhindert werden, wenn statt des ursprünglich erstrebten Zieles ein Sündenbock konstruiert wird, der an Stelle der beidseitig Rivalisierenden getötet wird. Dieses einfach Handlungsmuster durchzieht das Drama „Maria Stuart“. Die Königin von Schottland und die Königin von Elisabeth begehren beide danach, die Herrschaft über die britischen Inseln auszuüben. Friedrich Schiller lässt in seinem Drama zugleich noch eine andere Rivalitätsdimension bestimmend sein. Neben dem Begehren nach Thron und Macht kommt nun das sexuelle Begehren nach einem Mann ins Spiel. Das Schneewittchenprinzip – wer ist die Schönste im Land – wird auf ein klassisches Niveau gehoben. Im Drama „Maria Stuart“ kommt noch hinzu, dass die Rivalität religiös aufgeladen wird und so eine besondere Zuspitzung und zugleich religiös-kirchliche Legitimität bekommt. Auf der einen Seite steht die schottische Königin mit ihrer katholischen Einbindung, auf der anderen Seite die puritanische Königin Elisabeth, deren Ehe und deren Kinder vom Vatikan nicht anerkannt werden und vom katholischen Teil der britischen Inseln abgelehnt wird.
Ich blicke ins politische Heute. Ein Möchtegern-Volkskanzler begehrt nach der Macht im Lande und setzt auf die Strategie, den politischen Gegner niederzumachen mit bösartigen Kommentaren. Es geht der Kickl-FPÖ längst nicht mehr um einen Wettstreit unterschiedlicher Optionen von politischen Parteien, sondern um Rivalität. Auf der großen weltpolitischen Ebene werden Kriege um Territorien und Einflusssphären geführt. Man nimmt dabei selbst die gegenseitige Vernichtung in Kauf.
6.) Rebellion gegen den Autoritarismus damals und heute
Schiller hat den Beinamen „Dichter der Freiheit“. Es geht ihm in all seinen Dramen darum, dass das Individuum vor illegitimen Einschränkungen staatlicher Obrigkeiten geschützt wird. Dort, wo die Freiheit eingegrenzt wird, braucht es die Rebellion.
Faschismus – egal ob in alter oder neuer Form – ist das Gegenteil von Freiheit. Faschismus bedeutet die Unterordnung des Individuums unter eine Autorität. Dafür gibt es den politikwissenschaftlichen Begriff „Autoritarismus“. Nicht mehr der kantianische Imperativ, der eigenen Vernunft und dem eigenen Gewissen zu folgen, gilt, sondern es zählt, was ein „Führer“ will, der seinerseits jene bekämpft, die ihm keine Gefolgschaft leisten wollen. Spielregeln, die einem politischen Individuum die Freiheit gewähren, sich jene Regierung und jenes Parlament zu wählen, werden infrage gestellt. Eine Führerperson entscheidet, was falsch und richtig ist, was gut und was böse ist. Die Vielfalt ist in faschistoiden Denkmustern stets ein Ärgernis. Daher auch die rechtspopulistische Ablehnung dessen, was als „woke“ (aufgeklärt) bezeichnet wird. Schiller würde heute von den Rechtspopulisten sicher auch als „woke“ diffamiert werden und als zu wenig angepasst.
7.) Verurteilung politisch organisierter Gewalt damals wie heute
Maria Stuart wird getötet. Todesstrafe. Schiller war für die Freiheit der Völker – doch lehnte er jeden Terror und jede Anwendung von Gewalt ab. Die Ablehnung von Fremdherrschaft soll ohne Gewalt erfolgen. Mit Schiller lassen sich keine Kriege gewinnen.
Das Töten ist auch heute noch – mehr als 80 Jahre nach der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte und damit dem Tötungsverbot – staatspolitische Doktrin vieler Ortens. In Kriegssituationen wird der als Feind wahrgenommene Mensch, egal ob als zivile oder militärische Person, gezielt getötet. Drohnentechnologie macht dies besonders möglich. Werden bei Angriffen auf militärische Ziele Unbeteiligte getötet, so gilt dies als „Kollateralschaden“, der in Kauf genommen wird.
Epilog
Friedrich Schiller gibt in seinem Stück keine Lösung vor. Doch zeigt er auf, deckt auf, wie die Mechanismen wirken, die zu Gewalt führen, die destruktiv und nicht konstruktiv sind. In diesem Aufdecken liegt jedoch schon ein Ansatz der Lösung. Das Wahrnehmen von mimetischen Mechanismen kann helfen, aus diesen destruktiven Dynamiken auszusteigen. Es gilt das Individuum gegenüber staatspolitischen Bevormundungen zu schützen. Und: Politische Gewalt kann nie ein Mittel zum Aufbau einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft sein.
Die Studierendenbewegung in Serbien hat diesen Herbst eindrucksvoll gezeigt, wie ein autoritäres Regime ganz ohne Gewalt und auf demokratischem Wege überwunden werden kann. Randalierend Gewalttätige bei den friedlichen Protesten in europäischen Protesten sind kontraproduktiv. Hass und Rache und Gewalt werden nicht zu jener Gesellschaft von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit führen, die das Herzensanliegen von Friedrich Schiller war. Der Graf von Schrewsbury steigt am Ende des Stückes Maria Stuart aus dem Spiel und den Mechanismen von Intrigen und Gewalt aus. Er verlässt die Königin Elisabeth. Für Schiller war die Rolle für einen alten Mann gedacht. Im Landestheater wird die Rolle von einem jungen Mann gespielt. Ist es die Generation Z, die sich heute von den goldenen Gitterstäben-Fäden löst und aufsteht und auf die Straßen geht für eine andere, eine bessere, eine gerechte und eine friedliche Welt, frei von Kriegen und der Zerstörung des Planeten?
Mein Dank gilt dem grandiosen Schauspiel-Ensemble, der Regisseurin und der Dramaturgin, der Bühnenbildnerin und schließlich auch der Intendantin. Möge die Freiheit der Kunst lebendig bleiben. Allerdings ist zu befürchten, dass eine bestimmte politische Richtung, die zwar scheinhaft mit „Freiheit“ zu tun haben will, sich gedanklich mit den Reels auf einschlägigen sozialen Plattformen beschränken lässt und nicht den Weg in die Häuser des Tiroler Landestheaters findet.