
Die Gehirne und damit wohl auch die Gefühle der Massen, die sich entlang der Ötztalerstraße hineinstauen, werden geprägt von überdimensionalen Werbeplakaten für die neuesten BMWx-Drive-Modelle. Ötztaler Tourismusindustrie und deutscher Automobilkonzern mit dem Image von sportlichen Edelflitzern, die im Stau mitten durch die Orte den Fahrenden Stress bedeuten, sind längst Partner geworden. Auf der Fahrt zum Gletscher des Rettenbachferners oder auf das Timmelsjoch können die PS-Monster aber dann die Sau rauslassen und Männer am Gaspedal ihr unmoralisches „Geil“ loswerden. Die Gletscher weit hinten im Ötztal haben jedoch den trockensten und heißesten Sommer der Messgeschichte hinter sich. Klimabedingte Hitzewellen ließen die Gletscher schmelzen wie noch nie zuvor. In 20 Jahren, so die Glaziologie, werden die Gletscher in den Ostalpen fast völlig verschwunden sein. Seit 2019 ist die Gletschermasse in den Ötztaler Alpen um die Hälfte zurückgegangen. Wie warm es am Vernagtferner oder Gepatschferner diesen Sommer war, konnte ich wieder bei den Bergtouren erleben, bei denen das Schmelzwasser unter den Steigeisen lief. Aber es gibt ja die Speicherteiche und die Schneekanonen und die Schneelanzen, es gibt das Snowfarming und die Bagger und Schneeraupen, die Pisten glattwalzen. Und es gibt weiterhin die Pläne der TIWAG, großräumig das Wasser der Gurgler- und Venterache für das Mega-Projekt Kaunertal-Platzertal-Speicher zu benützen. 20.000 Seiten Umweltverträglichkeitsprüfung – doch ein kritisch prüfender Blick würde zeigen, wo Energie im Verkehr im moralisch verwerflichen Maße verschwendet wird, würde zeigen, dass es andere Lösungen gäbe. Von all dem spricht ein Mural an einem alten Haus in Umhausen, über das ich nach einer Bergtour zufällig jüngst aufmerksam wurde.
Christian Diaz Orejarena und Kornelia Kugler haben auf der Hauswand mitten im Zentrum von Umhausen nahe der Kirche die Tiroler Lüftlmalerei verbunden mit dem politischen Muralismo aus Lateinamerika. Das Sterben der Gletscher und das Austrocknen der Bäche, die Ötztaler Tourismusindustrie und die herrschende Energiewirtschaft aber auch die Art und Weise, wie die Bevölkerung darauf reagiert, ist Thema des Wandgemäldes. Ins Bild gebracht wird, was im Ötztal geschieht und wovon die Medien berichten: die Schneekanonen auf trockenen Hängen, die Bagger am sterbenden Gletscher, ein Staudamm und zugleich eine Straße, die einbricht. Aber zugleich zeigt es eine andere Bewegung. Ein Demonstrationszug mit dem Transparent „Das Wasser bleibt im Ötztal“. Alle Altersgruppen und Schichten der Bevölkerung nehmen daran teil. Und was ist mit der Gen Z? Manche hängen gelangweilt und passiv über ihren Smartphones, eine andere aber blickt auf und wird Teil des Demonstrationszuges. Ein riesiger Engel schwebt über den allegorischen Motiven. Auf seinem Mantel hat er die Logos jener Unternehmen, die mit ihrer Kapitalmacht bestimmend sind. Die Botschaft des Propheten Amos „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ ist hineingeschrieben in das vertrocknete Bachbett knapp unterhalb des Fensters. Sie ist die Verheißung einer anderen Zukunft, einer konkreten Utopie jenseits all der dystopischen Bilder. Es heißt, dass die Bevölkerung von Umhausen diesem Wandgemälde, das 2025 im Rahmen von „kunst im öffentlichen raum tirol“ fertiggestellt worden war, positiv zustimmte. Auch das ist ein Hoffnungszeichen.