Islam ist Frieden und Barmherzigkeit und nicht Terror und Gewalt

Advent 2018

Seit einigen Jahren sind Advent- und Weihnachtsmärkte jene Orte in Europa, die unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stehen. Poller wurden allerorten errichtet, damit nicht wieder ein Lastwagen dorthin rast, wo sich Tausende Menschen bei Glühwein oder Punsch vergnügen und wo sich Eltern mit ihren Kindern auf Weihnachten einstimmen. Diesmal ereignete sich der Anschlag in Straßburg. Ein irregeleiteter, fanatisierter, brutaler und feiger Mörder tötete willkürlich drei Menschen und verletzte andere schwer.

Rechtspopulistische Islamhetze

Noch bevor überhaupt verlautbart worden war, was die Hintergünde und Motive für diesen Anschlag waren, begannen die bekannten islamophoben Hassprediger mit ihrem Islam Bashing. Harald Vilimsky, Chef der FPÖ-Abgeordneten im EU-Parlament, brüllte lautstark: „Islamisten, Jihadisten, Terroristen raus! Ab in eure Heimat!“ Damit geschieht wieder dieses Framing: Islam wird letztlich in Gestalt des Islamismus mit Terrorismus gleichgestellt.

Imagine no religion

Religionskritiker sehen sich ob solcher Verbindung von Islam und Terror in ihrer Ansicht bestätigt, dass Religion und insbesondere der Islam dem Frieden in der Welt abträglich sei, und intonieren ihr „Imagine no Religion“. Erinnert sei an den Straßenmusiker Davide Martello, als er auf seinem Flügel direkt vor dem Konzerthaus Bataclan, in dem tags zuvor im November 2015 100 Menschen kaltblütig ermordet worden waren, „Imagine no religion …“ spielte. Im Song von John Lennon, den er in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts als Protest gegen den Vietnamkrieg schuf, heißt es sinngemäß: Eine Welt ohne Religion, das wäre eine friedliche Welt, da würde es keine Kriege mehr geben.

Nach jedem solcher Anschläge wie in Straßburg, Berlin oder Paris habe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern viele Gespräche über das Verhältnis von Islam und Krieg oder Islam und Gewalt oder Islam und Terror. Jetzt, unmittelbar nach dem Anschlag in Straßburg, tauchen die gleichbleibenden Fragen auf. Wieder wird „der Islam“ als Religion in Frage gestellt. Wieder wird die Angst vor Muslimen geschürt. Flüchtlinge, die als Muslime zu uns gekommen sind, werden als potenzielle Gefahr gewertet.

Als Theologe und Religionslehrer ist es mir wichtig, diesem Bild vom gefährlichen Islam, der wie eine Bombe in unseren Gesellschaften ticke, durch meine Arbeit in der Schule und durch mein Schreiben entgegenzuwirken. Ich will daher nicht von islamistischem Terror sprechen, weil Islam nicht mit Terror assoziiert werden soll. Der Islam ist von seinem Wesen her die Religion des Friedens.

Terror im Namen des Islam ist Blasphemie

„Die Terroristen führen Krieg gegen den Islam“, heißt es von Seiten muslimischer Verbände gleichlautend nach jedem solcher Anschläge. Erinnert sei an das Hashtag #NotInMyName nach den Anschlägen von Paris im Jahr 2015. Von verschiedenster Seite wurden damals klare Worte gefunden, die nun wieder in Erinnerung gerufen werden müssen: „…die Wesenseigenschaft des Islam ist die Sanftmut“ – so sprach der führende Imam aus Paris, Chabbar Taieb, nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo. Was bei diesen Anschlägen immer wieder geschieht, das ist tiefste Gottlosigkeit, das ist tiefste Unkenntnis vom Wesen des Islam und seinem Glauben an die Allbarmherzigkeit Gottes.

Nicht der Glaube an Gott ist bei den Gräueln der Geschichte, bei den Kreuzzügen, den Konfessionskriegen, bei den Gräueln der Taliban oder des Islamischen Staates, der Shabab-Milizen in Somalia, der Al-Kaida oder von Boko Haram Ursache für die unermesslichen Grausamkeiten, sondern der Unglaube an die Kraft des Göttlichen in den Menschen und in der Welt, die eine Kraft der Liebe, der Vergebung, der Barmherzigkeit und der Sanftmut ist. Dort, wo mit Berufung auf den Namen Gottes gemordet wird, dort wird der Name Gottes missbraucht. Das jüdisch-christlich-muslimische Grundgebot, „du wirst nicht morden!“, hängt wesentlich mit dem Grundgebot der Gottesliebe und der Heiligung seines Namens zusammen.

Die Feinde des Islam sind Kriegstreiber und Angstmacher

Islamfeindliche Kräfte in Europa sehen sich durch die Terroranschläge bestätigt. Ob Marine le Pen in Frankreich, die AfD in Deutschland oder die FPÖ in Österreich: Die Anschläge wie jener in Straßburg werden offen oder sublim mit dem Wesen des Islam in Verbindung gebracht. Harald Vilimsky äußerte sich schon vor drei über den Zusammenhang von Islam und Terror: „Islamismus hat mit Islam nichts zu tun, schreibt ihr. Ja, denn Alkoholismus braucht ja schließlich auch keinen Alkohol, oder? … Gerade ihr Linken habt die Aufklärung verraten an eine Religion, deren Anhänger damit zu oft nichts zu tun haben wollen.“

Islam ist Unterwerfung unter den Willen eines barmherzigen Gottes

Muslime, die sich an Allah orientieren, wenden sich in ihrem Glauben an jenen Gott, zu dem auch ein Christ bzw. eine Christin eine Beziehung haben. Daraus folgt: Wenn mein Gott auch Allah ist, dann kann aus meiner christlichen „Unterwerfung“ unter Gott doch nichts anderes herauskommen, als wenn sich Muslime ihrem Gott unterwerfen. Beide unterwerfen sich dem gleichen Gott! Das ist mein Grundansatz, aus dem dann logisch gefolgert werden kann: Wenn der barmherzige Abba-Gott von Jesus Feindesliebe und Gewaltverzicht fordert, so kann der Allah-Gott von Mohammed doch letztlich nicht etwas anderes fordern, es sei denn, dieser Gott leide an ausgeprägter Schizophrenie. Dies gilt in gleicher Weise zumindest auch für das Judentum, meines Erachtens aber für jede Religion. Es gilt also die Formel: Islam = Unterwerfung unter Gott = Unterwerfung unter den Gott der Liebe und Gewaltfreiheit.

Die Misbaha und nicht die Kalashnikow oder ein Sprengsatz ist das Symbol des Islam. Wer die 99 Namen Gottes rezitiert, kann die Wesensmitte des Islam spüren. „Ar-Rahman“ – „der Gnädige“, „der Wohltätige“, „der Mitleidsvolle“ – so der erste Name, der fast wie eine Überschrift ist. Gewalt, Krieg, Terror – das hat so gar nichts mit diesem Namen zu tun. Das ist wie die Antithese zu „Ar-Rahman“. Allah ist auch „Al-Quddus“, „der Friede“, so der vierte der schönsten Namen. Und weiters: Allah ist „Al-Ghaffaar“, „der Vergebende“. Allah ist „Al-Hhafuur“, wieder übersetzt mit „Der Vergebende“. Allah ist „Al-Waduud“, der „Liebende“, „Ar-Ra-uuf“, der „Mitleidsvolle“ genauso wie „As-Sabuur“, der „Geduldige“. Wenn Gott unter diesen Namen auch als „Erzeuger der Not“ oder „der Vergelter“ bezeichnet wird, so kann dies nicht im Sinne eines Widerspruchs zur Barmherzigkeit, Mildtätigkeit, Liebe und Vergebung interpretiert werden.

Sollte irgendein Muslim die Waffen in die Hände nehmen, um zu töten und zu morgen, so muss er im buchstäblichen Sinn des Wortes die Gebetsschnur weit weglegen. Es ist ein Verrat an der Religion, wenn „Allahu-akbar“ gerufen und zugleicht getötet wird. Allah ist nicht die Rache!

Jesus als Prophet und damit Vorbild im Islam

Zu wenig wird meist bedacht, dass für die Muslime auch Jesus als Prophet und damit als Vorbild im Glauben gilt. Damit freilich, so der einfache logische Schluss, ist auch Jesus mit seiner klaren Gewaltverzichtsstrategie und seiner Feindesliebe Vorbild im Glauben.

Gewaltfreie Aspekte im Leben des Propheten Muhammad

Ein Muslim oder eine Muslima orientiert sich am Leben des Propheten Muhammad. Wenn er wirklich ein „Gesandter Gottes“ ist, dann müsste er in Fortsetzung des zuvor genannten Arguments vom gewaltfreien Gott auch ein Gesandter der Gewaltfreiheit sein. Damit ergibt sich freilich das Problem der Interpretation des Lebens des Propheten Muhammad. In diesem Punkt treffen wir auf zwei unterschiedliche Interpretationsmuster.

Wer dem Islam eine inhärente aggressive und kriegerische Eigenschaft zuschreibt, beschreibt das Leben des Propheten als Feldherr, seine Niederlagen und Siege in den bewaffneten Auseinandersetzungen, oder erwähnt beispielsweise, dass der Prophet einmal den Befehl gegeben hätte, 600 Gegner zu töten. Dem könnte nun das pazifistische Auftreten des Jesus von Nazaret entgegengehalten werden, und siehe da, schon könnte die Fahne der Überlegenheit des Christlichen emporgehalten werden.

Ist aber nicht auch eine vorsichtigere Interpretation des historischen Muhammad möglich, in der die friedensliebende Seite des „Gesandten Gottes“ entdeckt werden könnte? Das Anliegen des Propheten war nicht der Kampf, sondern die Hinführung der Menschen zu Gott und einem gottesfürchtigen Leben. Hier schließt sich der Kreis zum erstgenannten Argument. Bekannt ist aus der Frühgeschichte des Propheten seine Fähigkeit, bei Streitigkeiten zu schlichten. Zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es erst aufgrund der Verfolgungssituation des Propheten und seiner Gemeinde. Immer wieder versuchte der Prophet Frieden zu stiften und sich mit den Mekkanern zu versöhnen. Als Muhammad mit einem großen Heer um 630 nach Mekka zog, fiel die Stadt letztlich ohne Schwertstreich. Der Prophet Muhammad bot den Mekkanern sofort Versöhnung an und verzichtete auf die Besitztümer, die sie zuvor weggenommen hatten. In den 10 Kriegsjahren hatten die Nicht-Muslime nicht mehr als 250 Tote zu beklagen.

Friedensbotschaften im Koran

Um die aggressiven Absichten des Koran aufzudecken, wird zumeist mit dem so genannten „Schwertvers“, der Sure 9, argumentiert, die den Kampf gegen die Feinde vorschreibt. Solche und ähnliche Stellen werden zum „Totschlagargument“, wenn sie einseitig aus dem Zusammenhang gerissen und für allgemeingültig betrachtet werden, ohne sie einer Korrektur durch die friedlichen Stellen zu unterziehen und ohne die geschichtlichen Umstände sowie die dahinter stehenden Anliegen ins Kalkül zu nehmen. Tatsächlich muss der Koran als Chronik der Ereignisse in Arabien während der islamischen Religionsstiftung gelesen werden. Wegen dieser wechselvollen Zeit kann man vom Koran kein konsistentes Konzept zur Bestimmung von Frieden und Krieg erhalten. Historisch gesehen ist es kein Widerspruch, dass es im Koran Verse gibt, die zum Frieden aufrufen, wie auch solche, die nach Krieg rufen. Der Koran ist in gewisser Hinsicht ein arabisches Geschichtsbuch der Jahre 610-632. Alle Koranpassagen, die aus der Zeit vor der Hidjra (622) stammen – also aus der Mekka-Epoche – enthalten keine Aufrufe oder Bestimmungen zum Krieg.

Der Koran enthält viele Stellen, die heute als friedliche Gesprächsstrategie tituliert werden könnten. Es heißt beispielsweise: „Ruf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art.“ (16,125) „Es ist nicht deine Aufgabe, sie rechtzuleiten, sondern Gott leitet recht, wen Er will.“ (2,272) „Und wenn du diejenigen siehst, die auf unsere Zeichen (spottend) eingehen, dann wende dich von ihnen ab, bis sie auf ein anderes Gespräch eingehen.“ (6,68) „… Gott weiß besser, was ihr tut. Gott wird am Tag der Auferstehung zwischen euch über das urteilen, worüber ihr uneins wart.“ (22,67-69) Für das Verhalten der muslimischen Gemeinschaft bedeutet dies, dass sie den so genannten „Ungläubigen“ mit Milde entgegenkommen sollten und nicht als gnadenlose Richter. Der Gewaltausübung werden im Koran klare Vorschriften und enge Grenzen gesetzt. Sie haben das Ziel, nicht Gewalt zu legitimieren, sondern Gerechtigkeit und Frieden durch eine Eindämmung von Gewalt zu erreichen. Zwei Beispiele mögen an dieser Stelle genügen: „Wenn jemand einen tötet, … so ist es, als hätte er alle Menschen getötet. Und wenn ihn jemand am Leben erhält, so ist es, als hätte er alle Menschen am Leben erhalten.“ (5,31) „…wenn die Gegner sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und vertrau auf Gott. Er ist der, der alles hört und weiß: Und wenn sie dich betrügen wollen, dann genügt dir Gott.“ (8,61.62)

Islamische Friedenstheorie

Eine islamische Friedenstheorie beginnt schon mit der Achtsamkeit in der Sprache. Djihad bedeutet demnach nicht „Krieg“, sondern „Anstrengung“. Nicht von ungefähr gibt es im Arabischen ein anderes Wort für Krieg (Harb) einerseits und bewaffnete Auseinandersetzung (Qital) andererseits. Djihad muss deswegen als die „Heilige Anstrengung“ bezeichnet werden und kann als Eintreten für die Sache Gottes gewertet werden, sprich: für Frieden und Gerechtigkeit.

„Heilige Anstrengung“ für Frieden und Gerechtigkeit als Antwort

Die wirklichen Ursachen für Terror und Gewalt liegen nicht in der Religion. Es sind die neuen Spaltungen in diesem Europa und in der Welt, die zum Nährboden für Gewalt werden. Es ist ein Komplex von ökonomischen und politischen Faktoren der Verarmung oder der Hoffnungslosigkeit von Hunderttausenden angesichts von Arbeitslosigkeit und Armut. Es sind die mangelnden Inklusionsmöglichkeiten, die zu Parallelwelten führen. Wenn diese Faktoren gesehen werden, dann aber wird a) nicht mehr DER Islam zum Sündenbock für Gewalt gemacht und b) werden nicht die falschen Maßnahmen ergriffen. Fragwürdig ist es nämlich, wenn die Innen- und Verteidigungsministerien der EU-Staaten nach jedem der Anschläge eine großangelegte innere Aufrüstung fortführen. Würden die Millionen in sozialpolitische Programme und Inklusionsprogramme gesteckt, wäre dem Frieden und der Sicherheit um so viel mehr gedient! Falsch sind die neuen Zäune und Mauern, mit denen sich europäische Länder – und besonders auch Österreich – gegen die Not in dieser Welt abschotten. Wer Zäune baut, spaltet dieses Europa. Wer die Anschläge in Verbindung bringt mit der Aufnahme von Flüchtlingen, verurteilt gerade jene, die zu Abertausenden auch vor dem Terror in ihren Heimatländern geflohen sind.

Klaus Heidegger, 12. Dezember 2018

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