Nachdenken über die Dreifaltigkeit Gottes aus interreligiöser Perspektive

In Gott beginnen

Im Namen Jahwes, die ICH-BIN-DA-Kraft,
die Abraham und Sarah und ihre Kinder zum Aufbruch ermutigt hat,
die mitten unter ihrem Volk wohnt.

 Im Namen Gottes, der uns Vater und Mutter ist,
im Namen Jesu Christi, der uns Bruder und Heiland ist,
im Namen der Geistkraft, die uns stark macht und tröstet.

 Im Namen von Allah, dem Allbarmherzigen,
der dem Propheten Muhammad das Hl. Buch geoffenbart hat,
der im Tun und Beten von Gläubigen begreifbar wird.

Gott ist Beziehung der Liebe und Barmherzigkeit

Wenn Gott Liebe ist, dann kann Gott nicht ein Punkt sein, sondern ist in sich Beziehung. Daher auch das Dreieck als göttliches Zeichen, die Verbindung von drei Punkten, wobei Gott immer in der Fläche zwischen diesen Geraden des Dreiecks zu finden ist. Dieses Dreieck wird auch definiert durch die Verbindung von Vertikale und Horizontale, wobei die stabile Basis die Gerade in der Horizontale ist. Wenn Gott Barmherzigkeit ist, dann ist es ein Geschehen. Wenn Gott Frieden ist, dann hat es mit einem Einklang zwischen Kräften zu tun. Gott ist in sich Dynamik, die auf Harmonie und Einheit aus ist. Göttliches ist symbolisch, was wörtlich übersetzt „zusammenfallend“ heißt. Die Antithese zu Gott ist das Diabolische, das Trennende, der Unfrieden, die Unbarmherzigkeit, das Narzisstische, der Egoismus als Fixierung auf das Ich. Gott ist Kommunikation und Dialog, Aufeinanderzugehen und Sich-Versöhnen. In den 99 Namen Gottes, die zum Glaubensinhalt des Islam zählen, wird dieser dynamische, sich mitteilende und erfahrbare Gott in Fülle beschrieben.

Gott hat in Jesus Christus offenbart, wie Gott ist – in diesem Sinne ist er Gottes Sohn. Durch Jesus wurde sichtbar, wie dieser Gott ist. Diese Stellung Jesu als Offenbarung Gottes kann vordergründig einen Unterschied zwischen Christentum einerseits und Judentum, Islam andererseits begründen. Der Jude Jesus wollte mit seinem messianischen Anspruch jedoch genau das, was im Volk Israel immer schon grundgelegt ist. Das Reich Gottes hier auf Erden soll Wirklichkeit werden. Gott und Himmel dürfen also nicht als Projektionsflächen für unerfüllte Wünsche im Diesseits gesehen werden, sondern als befreiende Kraft zur Veränderung dieser Welt, in der Schalom – Frieden und Gerechtigkeit – herrschen.

Dreifaltigkeit als Wesensmitte des Credos

Der Glaube an die Dreifaltigkeit Gottes war schon in der frühesten Kirche ausformuliert. So wurde die wesensmäßige Einheit von Gott, Sohn und Heiliger Geist Kern des Glaubensbekenntnisses aller christlichen Kirchen. Die in den christlichen Gemeinden, den Kirchen und in den einzelnen Christen wirkende Kraft Gottes wird als der „Heilige Geist“ verstanden. Dieser Geist, der in Jesus schon wirksam war, wirkt jetzt in den Gemeinden und jenen, die im Geiste Jesu leben.

Die Zahl Drei

Die Zahl Drei hat eine symbolische Bedeutung für „Ganzheit“ und „Fülle“. Zugleich bedeutet sie Offenheit. Es ist die überraschende Offenheit – so wie bei den Emmausjüngern der Fremde hinzutrat, in dem der Auferstandene sichtbar wurde.

Politische Konsequenzen des Trinitarischen

Der Glaube an die Trinität Gottes hat Konsequenzen für den Alltag. Gott selbst soll dort spürbar werden, wo jemand tätig ist und lebt. In den Beziehungen, den Familien, in den Schulen oder am Arbeitsplatz. Gott und die Geistkraft zeitigen irdische Konsequenzen. Der Glaube an einen dreieinigen Gott, dessen innerstes Geheimnis und Wesen die Liebe ist, kann zeigen, dass Gott der Welt und dem Menschen zugewandt ist und sich selbst um seine Schöpfung kümmert. In Jesus Christus kommt Gott selbst zu den Menschen.

Gott und Geist sind weder nur männlich noch nur weiblich

Es ist notwendig, von einer geschlechtsspezifischen Fixierung Abstand zu nehmen: Gott ist väterlich und mütterlich. Rahman – die Barmherzigkeit – bedeutet aus dem Arabischen übersetzt „der Mutterleib“. In einem mystischen Sinn können in Gott geborgen sein. Luther würde es so sagen: sola gratia – ganz Gnade. Der Heilige Geist wiederum ist im jüdischen Verständnis die ruach – die weibliche, schöpferische Geistkraft, die bereits in den Schöpfungserzählungen der Hebräischen Bibel über der Urflut flatterte.

Trinität ist nicht Polytheismus

Die Lehre vom dreieinigen Gott besagt, dass wir den einen Gott nicht als starre Einheit verstehen dürfen, sondern als Fülle des Lebens und der Liebe. Gott ist zwar in sich Einheit, aber zugleich auch ein innerer Dialog, ein innerer Austausch zwischen Vater, Sohn und Geist. Die Trinität ist kein Widerspruch zum Monotheismus und daher auch kein polytheistisches Modell, weil Gott in sich Einheit darstellt, ein Gott eben in drei Personen. In diesem Sinn stellt der christliche Trinitätsglaube die monotheistische Position nicht infrage. Dies ist auch die Antwort auf den Polytheismusvorwurf, wie er von fundamentalistisch-islamischer Seite vorgebracht wird. Auch der Islam kennt das Hinaustreten von Gott/Allah, wie dies vor allem in der Stellung des Koran als Wort Gottes deutlich wird. Gott veräußert sich als Wort Gottes im Heiligen Koran so wie sich aus christlicher Sicht Gott in der Person von Jesus Christus oder im Heiligen Geist veräußern kann.

Triste Trinitätslosigkeiten oder wirksame Geistkraft

Wenn Gott ist liebevolle Beziehung, wenn Gott ist das Überwinden von Grenzen und Feindschaften, wenn Gott ist Versöhnung, dann ist Gott in vieler Hinsicht die Antithese zu dem, was im herrschenden politischen Alltag Österreichs geboten wird sowie zum vorherrschenden Lebensstil der konsumierenden Massen. Dort, wo das Trennende vor das Gemeinsame gestellt wird, wo Religionen oder Kulturen gegeneinander ausgespielt werden, wo Mauern gegen Flüchtlinge gebaut werden, wo die Einheit Europas durch nationalistische Kräfte desavouiert wird – dort ist nicht die versöhnende Geistkraft am Werk, sondern ihr Gegenspieler. Es betrifft auch das Konsumverhalten der Massen: Die zunehmende Klimaerwärmung schafft neue Trennungen zwischen jenen, die Opfer der Folgen der klimatischen Veränderungen sind und jenen, die die diese durch ihren Lebensstil befördern. Der verschwenderische Reichtum der wenigen schafft irgendwo anders die Armut der vielen. Die göttliche Geistkraft kann helfen Trennungen und Spaltungen zu überwinden, auch zwischen Männern und Frauen. Dies betrifft genauso die Strukturen der Kirche, in denen Männern mehr Rechte zugestanden werden als Frauen. Schrittweise wird die Geistkraft des Göttlichen heute begreifbar, wo den Schwulen und Lesben die gleichen Rechte eingeräumt werden wie den heterosexuellen Paaren. Die Geistkraft ist jene Kraft in unserem Alltag, wo es gelingt, Versöhnung zu leben in unseren Beziehungen, in den Familien und am Arbeitsplatz. Sie ist auch eine Kraft, die Körper, Seele und Geist versucht, in Einklang zu bringen, wo der Kopf nicht mehr getrennt sein muss vom Gefühl, wo Träume nicht mehr so weit weg sind von dem, was wirklich gelebt sein kann.

Klaus Heidegger, Sonntag Trinitatis 2019

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