Zölibat als Qualitätskriterium?

Als ich den Beitrag von Martin Kolosz in der Sonntags-TT (19.1.2020) las, dachte ich zunächst an einen ironisch-kabarettistischen Beitrag. Solche Argumente zum Zölibat in einem „Brief an Tirol“ zu lesen ist irritierend, da diese Rubrik eigentlich bekannt ist für seriöse Kommentare zum Zeitgeschehen. Erstens irrt der Autor, wenn er suggeriert, dass die Abschaffung des Pflichtzölibats für alle Priester damit begründet werde, dass es dann mehr Kleriker geben würde. Nein, die verpflichtende Ehelosigkeit für jeden Geistlichen – und damit ist nicht das freiwillige Gelübde der Ehelosigkeit für Ordensleute gemeint – ist zum einen eine willkürliche Einschränkung der Berufungen für einen priesterlichen Dienst, zum anderen bedeutet es für viele Priester, die den Weg des Zölibats wählen mussten, jedoch auch in Partnerschaften leben möchten, eine große Belastung. Zweitens aber muss Martin Kolozs entschieden widersprochen werden, wenn er glaubt, die Qualität der Berufungen hinge mit der Fähigkeit zusammen, das Zölibat leben zu können. Was ist mit jenen Menschen, die in vielfältigen Diensten als Eheleute in der Kirche ihren Berufungen nachgehen? Sind sie qualitativ minderwertiger oder keine „treuen Zeugen ihres Glaubensbekenntnisses“. Längst sind innerhalb der Kirche Reformansätze wahrzunehmen, die beispielsweise auch von Paul Zulehner im Brief an Tirol formuliert worden sind und von einer Zweigleisigkeit zum Priesteramt sprechen. Zum einen wird es weiterhin Priester (und hoffentlich auch Priesterinnen) geben, die für sich Ehelosigkeit als positive Lebensform wählen, zum anderen wird es nicht nur durch das Modell der viri probati Priester geben, die sich für das Geschenk eines ehelichen Lebens entschieden haben und diesen Erfahrungsschatz in ihren priesterlichen Dienst einfließen lassen können.

 

Dr. Klaus Heidegger, Vorsitzender der Katholischen Aktion der Diözese Innsbruck

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