Der schwarze König

Damals ist nicht heute

Damals, als ich selbst noch als Sternsinger mitging und mitsang, liebte ich es, als „Mohr“ zu gehen, hatten meine Eltern doch ein Schuhgeschäft und schwarze Schuhcreme zu besorgen, lag mir nahe. Die Haut wurde kräftig mit Nivea eingeschmiert, damit sich die schwarze Schmiere auch etwas leichter lösen lässt, was doch nie so ganz glückte und die Haut nicht wenig reizte. Nein, das Schwarzfärben hatte damals nichts mit Rassismus zu tun. Es gehörte einfach zu den „heiligen drei kini“ dazu. Es war auch noch nicht rassistisch, als der so Schwarzgefärbte als „Mohr“ oder „Neger“ bezeichnet wurde. Es war auch nicht rassistisch, wenn bei der Kassa im kleinen Lebensmittelgeschäft ein „nickender Mohr“ stand mit dem Schild darunter: „Für die Weltmission.“ Wenn ich 10 Groschen in die Kassa warf, dann nickte der Schwarze. Damals.

Wir leben heute nicht im Gestern. Heute hat „Blackfacing“ eine andere Bedeutung bekommen. Heute würde auch niemand mehr jemanden mit schwarzer Hautfarbe als „Neger“ bezeichnen. Und zum Glück sind die „nickenden Neger“ als Spendenbüchsen längst aus den Geschäften verschwunden. Ich darf nicht so einfach das Gestern mit dem Heute vergleichen. Was heute als rassistisch missverstanden werden könnte, war es damals eben noch nicht.

Der traditionelle Hintergrund des schwarzen Königs

Ich mag es, in der Weihnachtszeit Krippen zu schauen. Sie sind so voller Dynamik des Heilsgeschehens, dass ich immer wieder fasziniert davor stehe. Egal, ob es die große barocke Krippe mit den Wachsfiguren in einer Seitenkapelle der Jesuitenkirche in Hall ist, oder eine der berühmten Giner-Krippen mit den so wunderbar geschnitzten Holzfiguren, überall wird einer der Könige mit schwarzer Hautfarbe dargestellt, manchmal sogar übertrieben stereotyp mit überdimensionierten Lippen. Die ikonographische Darstellung von einem schwarzen König ist jahrhundertealt. Sie entspricht dem damaligen Weltverständnis: die symbolische Bedeutung von Repräsentanten der drei bekannten Kontinente Europa, Asien und Afrika.

Heute: Schwarze fühlen sich diskriminiert

Für mich ist es in dieser ganzen Diskussion wichtig, auf jene zu hören, die sich heute gegen Rassismus engagieren. Ihr Sprachrohr sind Bewegungen und Initiativen wie „Black Voices“, die auf den rassistischen Hintergrund von „Blackfacing“ hinweisen und dazu gerade ein Volksbegehren gestartet haben. Anti-Rassismus-Organisationen sind sich heute einig: Wenn sich Weiße schwarz anmalen, handelt es sich um Rassismus. Sie führen dazu einige Argumente an:

Ein erstes Argument ist ein Blick auf eine andere Geschichte: Bereits im 18. Jahrhundert haben weiße Menschen ihre Gesichter dunkel bemalt, um Schwarze in sogenannten „Minstrel Shows“ als stets fröhliche, aber dumme Sklaven zu degradieren.  Diese Geschichte spielt freilich in einem anderen Land und unter den Bedingungen der Sklaverei.

Wichtiger ist daher ein zweites Argument. Die Identität und Erfahrungen schwarzer Menschen würde wie ein Kostüm behandelt, das Weiße beliebig an- und ablegen können. Die Identität eines Menschen hängt nicht von seiner Hautfarbe ab.

Gesichtsschwärzen hat heute die Unschuld verloren. Daher bitten Initiativen wie „Black Voices“ auf die Praxis des Gesichtsschwärzens zu verzichten. Der auch in unserem Land weiterhin vorhandene Alltagsrassismus, der keinem schwarzgefärbten Jungscharkind unterstellt wird!, fordert uns jedenfalls dazu auf, achtsam mit einer mehrdeutigen Symbolik umzugehen. Veränderte kulturelle Bedingungen bewirken eine veränderte Deutung von Symbolen.

Die Position der Katholischen Jungschar

In der ganzen Debatte über Blackfacing sollten jene zu Wort kommen, die Verantwortung für die Dreikönigsaktion tragen und sich sehr achtsam und differenziert zu diesem Thema eingebracht haben. Die Verantwortlichen der Katholischen Jungschar Österreichs finden es wichtig, sich dieser Diskussion zu stellen. Martin Hohl, als Hauptverantwortlicher für die DKA, meinte, dass die Sternsinger auf keinen Fall die Gefühle von benachteiligten Menschen verletzen wollten. So haben sie in diesem Jahr beim Besuch des Bundespräsidenten auf Blackfacing verzichtet. Auf der Website der Katholischen Jungschar sind Kinder mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen als Sternsinger abgebildet. Die Katholische Jungschar Südtirols schreibt zu diesem Thema mit viel Einfühlungsvermögen: „Deshalb müssen wir uns in nächster Zeit mit unseren Traditionen und unserem Brauchtum auseinandersetzen. Wir wollen offen und sensibel diesem Thema gegenüber sein, denn niemand soll sich durch geschminkte Königinnen und Könige angegriffen fühlen oder beleidigt werden. Wir glauben, dass der ursprüngliche Sinn der Tradition besser deutlich wird, wenn Kinder als Sternsingerinnen und Sternsinger so gehen, wie sie eben sind: vielfältig in ihrem Aussehen.“

Die Blackfacing-Debatte sollte nicht dazu führen, den eigentlichen Sinn der Dreikönigsaktion in den Hintergrund zu drängen. Es geht um die entwicklungspolitische Arbeit der Jungschar, die einerseits in 500 Projekten nachhaltig, gezielt und mit sehr viel Expertise jenen hilft, die jetzt gerade durch die Corona-Pandemie noch zusätzlich in eine schwere Krise geraten sind, und andererseits zugleich auch in unserem Land in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit beginnend mit den Kindern tätig ist.

Brauchtum kann sich ändern

Bis in die 1970er-Jahre hinein war es Brauch, dass Mädchen nicht als Sternsingerinnen gehen konnten. Heute wäre es undenkbar, weil gerade die Königinnen so wichtig geworden sind. Eine neue Symbolbildung und sensible Brauchtumspflege ist möglich. Das bedeutet beispielsweise auch, dass in unserem multikulturellen Kontext ganz bewusst auch Menschen mit anderer ethnischer Herkunft zum Sternsingen eingeladen werden.

Klaus Heidegger

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