Engel verleiht Flügel: Geschichten von Engeln – Teil 8

Red Bull-Dosen, Formel-1-Rennwagen und Flugzeuge zählen zu jenen Phänomenen, die prototypisch sind für ein ökologisch desaströses Verhalten. Das futuristische Gebäude im Red Bull Hangar-7 am Flughafengelände in Salzburg vereint diese Objekte. Als Umweltaktivist und Pazifist hätte er sich nie gedacht und noch weniger gewünscht, an diesen Ort zu kommen. Es ist eine für ihn völlig fremde und absurde Welt. Heute sollte es aber doch geschehen. Fast wirkten die sündteuren Fahrzeuge ringsherum wie historische Museumsgegenstände aus vergangener Zeit, als die Menschen die Schöpfung noch ausbeuten durften. Er war eingeladen, um an einer Talkshow einer Privatfernsehanstalt teilzunehmen. Ein hochrangiger Offizier des Bundesheeres, dessen Uniform von all den Zeichen bunt wie ein Malkasten war, war einer der Gesprächspartner. Hätte man seine Dienstabzeichen, Rangabzeichen, Ausbildungszeichen und weiteren Dekorationen lesen wollen, wäre ein Gutteil der Sendezeit damit gefüllt worden. Sein pazifistisches Gegenüber hätte sich angesichts dieser Fülle eigentlich nackt fühlen müssen. Ein zweiter Mitdiskutant war ein deutsch-amerikanischer Schriftsteller, der als Beststellerautor vorgestellt wurde und sich auch als solcher fühlte. Von Beginn an schlüpfte er in die Rolle eines militärischen Verteidigers der Souveränität der Ukraine. Am liebsten hätte er wohl eine militärische Beteiligung der NATO in der Ukraine gesehen. Die einzige Frau in der Diskussion war von der staatlichen Energieagentur E-Control. Sie zeigte auf, dass man von Gasimporten total abhängig sei und nicht einfach die Gasimporte aus Russland stoppen könne. Und schließlich war da noch ein Politiker aus Deutschland, der lange als Abgeordneter der SPD im deutschen Parlament saß. Fünf unterschiedliche Zugänge mit fünf unterschiedlichen Positionierungen mit fünf unterschiedlichen Herangehensweisen waren vertreten. Nicht immer gelang es, eine Ringkampfatmosphäre zu vermeiden – wer setzt sich mit seinen Argumenten gegen andere durch. Diesem Spiel wollte sich der Pazifist in der Runde nicht hingeben. Seine Antworten blieben in der 70-minütigen Sendezeit knapp und pointiert. Die zentrale Botschaft kam rüber: DIE WAFFEN NIEDER. Waffen töten und bringen keinen Frieden. Allein dafür hatte sich sein Aufwand, die inhaltlichen Vorüberlegungen, die Anfahrtszeit, das Herwarten auf den Sendungstermin sowie die Schminkerei im Vorfeld gelohnt. Beim Hinausgehen sah er nochmals die Rennboliden im Scheinwerferlicht der Halle. Überall prangte der Red Bull Schriftzug und das entsprechende Emblem von den kampfbereiten Ochsen. In einer Nische stand ein Kühlschrank, der die Form einer Zapfsäule hatte. Man hatte dem pazifistischen Gast dort am Beginn des Abends eine der Dosen angeboten. Dankend hatte er verneint. Er brauchte keinen Energy Drink, um fliegen zu können. Weit nach Mitternacht ging nun kein Bus mehr zurück zum Hotel. Für den Veranstalter war es kein Problem, dass die Gäste ein Taxi nahmen. „Wohin?“, fragte der freundliche Taxifahrer mit der FFP-2-Maske. „Zum …-Hotel!“, war die Antwort.

Als ob er nicht genug Flügel im Red Bull Marketing gesehen hätte, sah der Fahrgast nun neben sich die bekannten Engelsflügel. „Bin sehr zufrieden mit dir“, sagte sein Engel. Kein Red Bull-Schriftzug war auf seinem weißen weiten Hoody. Der Taxifahrer nahm die Maske runter, um einen Schluck aus der Red Bull-Dose zu nehmen. Der Engel zwinkerte seinem Freund zu. Er kannte ja bereits seine Gedanken und Gefühle. „Danke, dass du da bist!“, sagte der Mann. Es war inzwischen weit nach Mitternacht und er war schon sehr müde. Noch einmal durfte er seinen Engel zum Abschied umarmen, bevor er in das Hotelzimmer ging. Heute hatte ihn der Engel an das Vorsatzblatt einer alten Buchausgabe von „Die Waffen nieder“ von Bertha von Suttner erinnert, aus dem er zuvor in der Talk-Show zitiert hatte. Es war kein süßer, wohlgenährter, barocker Putten Engel, sondern ein starker, athletischer Engel, der energisch dem Kriegsgott Mars auf dem Schlachtfeld Einhalt gebieten will. Es war aber auch nicht der Erzengel Michael, der kämpfend dem Satan einen Speer in den Leib sticht, wie er als Statue auf einem Tor am Maidan steht. Sein Engel war anders. Auf den Notizblock, der im Hotelzimmer lag, kritzelte der müde Mann noch ein Gedicht, damit seine aufgewühlte Seele für eine kurze Zeit Ruhe fände.

„Himmlische Kräfte

Engel zerbrechen Gewehre
mit himmlischer Kraft

Engel singen Lieder des Friedens
mit göttlichen Melodien

Engel löschen die Feuer des Krieges
mit menschlich-göttlichen Kräften“

klaus.heidegger, 1.4. 2022

 

 

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