Basta! Beendet den Krieg und gießt nicht immer neues Öl ins Feuer! Ein pazifistisches Plädoyer

Krieg
Angriffskrieg
Abnützungskrieg
Verteidigungskrieg
Stellungskrieg
Guerillakrieg
Atomkrieg
Krieg
NEIN

Der 8. Mai. Es ist jener Tag, der an die Befreiung vom Naziregime durch die alliierten Truppen erinnert. Die NS-Herrschaft wurde  in Österreich am 8. Mai 1945 durch die sowjetische Armee beendet. Für die Befürworter:innen der militärischen Lösungen dient dieser Tag einmal mehr dazu, pazifistische Optionen als naiv zu bezeichnen. Man sehe doch: Ohne militärischen Sieg der Alliierten wäre die Naziherrschaft nicht beendet worden. Und Putin wird mit Hitler verglichen und die russische Armee mit der Deutschen Wehrmacht. Doch: Putin ist nicht Hitler. Russland kann nicht mit dem Naziregime gleichgesetzt werden. Der größte Unterschied: 1945 hatte der Feind noch keine Atomwaffen. Mariupol sieht inzwischen aus wie die zerbombten Städte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges oder wie Aleppo nach den ersten Luftangriffen Russlands auf islamistische Stellungen am Beginn des Krieges in Syrien.

9. Mai. In Russland wird der „Tag des Sieges“ zelebriert. Es sind skurrile Bilder wie aus schlechten Filmen, so als gäbe es dies wirklich nicht echt und wäre nur ein Albtraum. Der russische Präsident mit einer Kriegsrede. Abertausende Soldaten, die wie Marionetten paradieren. Ein Arsenal an schrecklichen Waffen fährt auf den Militär-Lkws vorbei. Die Generäle hinter Putin haben eiserne Minen. Mittendrin: Kyrill I., Patriarch der orthodoxen Kirche von Moskau. Währenddessen geht das Morden und Zerstören in der Ukraine weiter.

Der Krieg wird beendet und nicht mehr gewonnen.
Kein Krieg wird gewonnen, denn im Krieg sind alle Verlierer.

Die herrschende Logik der westlichen Welt lautet seit Wochen: Der Angriffskrieg Russlands muss mit Waffengewalt beendet werden. Damit kommt der Westen dem Ansinnen des ukrainischen Präsidenten entgegen, der von Beginn an als Reaktion auf den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die militärische Karte setzte – und setzen konnte, weil er auf die militärische Unterstützung der USA und der NATO-Staaten vertrauen konnte. Diese Logik führte zur fast völligen Zerstörung großer Städte wie Mariupol und führte dazu, dass Abertausende Menschen getötet wurden, dass die Gefechte auf den Schlachtfeldern eskalierten und Millionen Menschen in die Flucht getrieben worden sind.

Beispiele für die nun wochenlange Kriegsrhetorik gibt es zuhauf: „Den politischen Erben Stalins nicht zu reizen, wird das Blut nicht stoppen.“ So heißt es im Leitartikel des „KURIER“ vom 8. 5. Und die Konsequenz des Schreibers lautet: Man muss Putin militärisch besiegen.

Die anderen Stimmen, wie jene von führenden Vertretern der röm.-katholischen Kirche, gehen in der Kriegsrhetorik unter. „Der Frieden kann nicht durch Waffen erreicht werden. Im Gegenteil, er kann nur durch den Verzicht auf Waffen erreicht werden.“ So Pietro Parolin, Kardinalstaatssekretär, in der Zeitung La Stampa vom 1.5.2022.

In der Logik des Krieges gibt es erst dann eine Niederlage, wenn alle Mittel ausgeschöpft sind.

Die Logik von Sieg oder Niederlage ist eine fatale Logik. Will man Russland am Schlachtfeld besiegen, könnte der Dritte Weltkrieg beginnen – bis hin zu einer atomaren Auseinandersetzung. Russland wird alles tun – wirklich alles – um eine militärische Niederlage zu verhindern. Wer darauf setzt, die russische Armee mit Waffengewalt niederzuzwingen, riskiert den Einsatz der schrecklichsten aller Waffen. Man darf nicht versuchen, das russische Regime als Atommacht in die Knie zu zwingen. Es braucht die Ausstiegsszenarien aus dem Krieg vor einem apokalyptischen Finale der totalen Vernichtung.

Der Russlandexperte Gerhard Mangott beschreibt die Eskalationsgefahr wie folgt: „Bevor Russland eine Niederlage akzeptiert, wird Putin zu einer Eskalation bereit sein, bis hin zum Einsatz taktischer Atomwaffen.“

Der Krieg wird genährt durch die Menge an Waffen.

In Diskussion ist die deutsche Regierung geraten, die beschlossen hat, auch schwere Waffen in die Ukraine zu liefern. Schwere Waffen sind Angriffswaffen. Damit werden die kriegerischen Handlungen verlängert. Wer immer Waffen liefert, macht sich damit selbst zur Kriegspartei und schießt sich aus der möglichen Rolle eines Vermittlers aus. Immer mehr Waffen bedeuten immer mehr Krieg. Wenn Deutschland beispielsweise ukrainische Soldaten ausbildet, ist es direkt Kriegspartei. Immer mehr Waffen bedeuten, dass auf beiden Seiten immer mehr Waffen eingesetzt werden. Die Solidarität mit den Menschen in den Kriegsgebieten misst sich nicht an den Milliarden für Waffen, sondern mit jedem Bemühen, den Krieg sofort zu beenden. Seit Kriegsbeginn haben allein die USA bereits Waffen und Munition im Wert von 3,5 Milliarden Euro an die Ukraine geliefert. Aktuell geplant ist eine weitere Militärhilfe in der Höhe von 145 Millionen Euro. (Tiroler Tageszeitung, 8. 5. 2022)

Die militärische Stärke der Ukraine ist im Wesentlichen die militärische Stärke der größten Militärmacht der Welt. Wenn beispielsweise eines der größten russischen Kriegsschiffe abgeschossen wird, dann ist dies ein „Erfolg“ der amerikanischen militärischen Geheimdienste.

Der Frieden entscheidet sich nicht auf den Schlachtfeldern, sondern am Tisch von Verhandlungen und im Schließen von Verträgen – auch mit der Bereitschaft zu Kompromissen. Militärisches Heldentum ist der Wahnsinn von gestern.

Ein erster Ausstieg aus dem Krieg ist immer die Feuerpause, gefolgt von Waffenstillstand und Waffenstillstandsverhandlungen. Was der Beendigung von Krieg und das Schaffen von Frieden – und damit einem Ausstieg von dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt betrifft – dient, sind nicht noch mehr schwere Waffen, sondern die Bereitschaft zum Verhandeln.

Vom persönlichen friedensstiftenden Handeln

Von einem Wirtschaftsembargo gegenüber der russischen Föderation als Sanktion für den Angriffskrieg wird seit Wochen gesprochen. Und es geschieht auf verschiedenen Ebenen. Regierungen des Westens verhängen ein Embargo gegenüber russischen Firmen, frieren das Vermögen russischer Oligarchen im Westen ein, wollen die Ölimporte aus Russland stoppen und die Abhängigkeit von russischem Erdgas minimieren. Die größte Macht hätten in einer solchen Embargo- und Sanktionspolitik wohl die Konsumierenden selber durch ihr eigenes Konsumverhalten. Als jemand, der nicht mit dem Auto fährt, brauche ich kein russisches Öl und Gas. Das heißt vor allem: Gerade in der Frage der Mobilität kann viel dazu beigetragen werden, die russische Militärmaschine nicht zu ölen – oder, um es poetisch auszudrücken – Sand im Kriegsgetriebe zu sein. Das betrifft auch andere Dimensionen: Je energiesparender mein Lebensstil ist, desto mehr trägt er zum Frieden und zur Gerechtigkeit auf dieser Welt bei. Wer vegetarisch lebt, reduziert den Getreide- und Flächenverbrauch und macht sich nicht schuldig an der Abholzung der Regenwälder. Wer weniger Konsumgüter verbraucht, reduziert den Verbrauch an Energiequellen. Energiesparen ist eine friedenspolitische Antwort, die auch im Alltag durchbuchstabiert wird: Energiesparend Autofahren – wenn überhaupt; kein unnötiges Standby durch Kippschalter; LED statt Halogen; jedem Topf sein Deckel; Eisfächer regelmäßig abtauen; Lebensmittel nicht verschwenden. Damit wird sichtbar: Der Einsatz gegen den Krieg in der Ukraine geht Hand in Hand mit dem Einsatz gegen die fortschreitende Zerstörung der Lebensgrundlagen als Folge der menschengemachten Erderhitzung.

Pazifismus heute!

Pazifistische Ideen sind nicht von gestern, sondern bedeuten Zukunft. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist nicht eine Parole von gestern, sondern braucht es heute dringender als je zuvor. Wer militärische Waffengewalt ablehnt, ist nicht unsolidarisch, sondern solidarisch mit den Abertausenden, die im Krieg getötet oder verletzt werden. Die letzten Wochen des Krieges in der Ukraine zeigen einmal mehr, dass es nicht weniger, sondern mehr Pazifismus in unserer Welt bräuchte.

Ich konnte die Anfangszeit der grünen und alternativen Parteien mit einer wissenschaftlichen Arbeit an der Universität begleiten. Gewaltfreiheit wurde als eine der Grundsäulen der neuen Parteien gesehen. Die Grünen sahen sich als parlamentarisches Standbein, die Friedensbewegung war ihr Spielbein. Damals galt es, der atomaren Aufrüstung entgegen zu treten. Die großen Friedensdemonstrationen in den 80er Jahren waren meine politische Sozialisation. In Österreich träumten wir von einer Abschaffung des Bundesheeres und in der Schweiz hatte die „Gruppe Schweiz ohne Armee“ beachtliche Erfolge. Seither sind viele Kriege geführt worden und werden noch immer geführt und noch größere drohen die Welt zu vernichten. Und heute: Der grüne Koalitionspartner in der deutschen Bundesregierung befürwortet die Lieferung von schweren Waffen in die Ukraine. Warum dieser radikale Gesinnungswandel? In mir lebt weiterhin der Glaube, dass mit Gewaltverzicht Kriege beendet und Frieden geschaffen werden kann.

Klaus Heidegger, 8. /9. Mai 2022

Kommentare

  1. Vielen Dank, Herr Heidegger, für Ihren Aufruf zur gewaltfreien Beendigung diese grausamen Krieges. Es wird wenige Menschen geben welche sich dies nicht wünschen. Ich vertrete die Meinung, dass eine Kapitulation nicht das Ende der Machtansprüche des Kremlclans bedeuten würde. Ich bin aber auch der Meinung, dass Waffenlieferungen an die Ukraine OHNE GENAU FORMULIERTE VORAUSSETZUNGEN dafür nicht gemacht werden sollten. Dem Parlament in Kiew ist vorzuschreiben welches Verhandlungsangebot dem Kreml gemacht werden muss um einen möglichen Kompromiss zu erzielen und den Krieg zu stoppen, bevor weitere Waffenlieferungen erfolgen. Diese Voraussetzung könnte zB so ausschauen: Nach einem angebotenen Waffenstop wird garantiert, dass die Ukraine nicht Mitglied der Nato wird und es wird in den bereits besetzten Gebieten eine international überwachte Abstimmung über die Zugehörigkeit zu einem der beiden Systeme durchgeführt welche von beiden Seiten akzeptiert wird. (mir ist bewusst, dass diese Forderung an Russland der Knackpunkt sein wird)
    Durch diese Vorgangsweise bei der das Format von einer Kriegspartei auf den/die Unterstützer übertragen wird, sendet ein Signal aus welches für den Kreml eine Gesichtswahrung bedeutet welche von extremer Wichtigkeit ist. Die Aussage WIR LIEFERN WAFFEN NUR WENN DIE UKRAINE ZU EINEM KOMPROMISS BEREIT IST, würde wahrscheinlich viel Druck wegnehmen. Mir ist unverständlich, dass man Waffen liefert ohne eine Gegenleistung einzufordern.

  2. ich danke Dir, Klaus für Deine Klarheit. Welch schreckliche Entwicklung hat dieser Konflikt genommen, mit schrecklichen Opfern auf beiden Seiten und weit drüber hinaus, durch Hungertote.
    Und dazu die irren Entwicklungen durch Nachrüstung, Beitrittswillen zu Militärbündnis, Aufgabewille von Neutralität, Überbordwerfen hehrer Ziele in Reformparteien..

    Wer steuert dagegen ?

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