Die Wächter am Inn gegen die verheerende Logik alter und neuer Faschismen

Nie wieder ist jetzt!

In Sachsen-Anhalt wird am 7. Oktober 2026 ein Mann aus der Partei der als äußerst rechtsextrem und in Teilen verfassungsfeindlichen AfD Landtagspräsident. 1932 wurde Hermann Göring Reichstagspräsident. Der alte Faschismus der Nazis und der neue Faschismus, der sich in den rechtspopulistischen Parteien und deren Politiker, von Trump über die AfD zur FPÖ heute generiert, ist sicherlich anders – graduell anders. Die Schreckensherrschaft der Nazis – so habe ich schon mehrmals geschrieben – kann mit gegenwärtigen Entwicklungen nicht gleichgesetzt werden, jedoch ist ein Vergleich politisch zulässig. Vergleichen ist nicht gleichsetzen. Die Machtergreifung Hitlers geschah auf demokratischem Weg, wurde befeuert durch wirtschaftliche Krisen, ein Feuer, das durch fehlende Brandmauern nicht aufgehalten wurde, wurde genährt durch rassistische Erzählungen und ermöglicht durch einen massiven Auf- und Ausbau der militärischen Kapazitäten. Der Begriff „Remigration“ aus dem Mund der Simson fahrenden Politiker erinnert – und da ist Friedrich Merz einmal zuzustimmen –an Deportation, erinnert an die schlimmste Zeit der Weltgeschichte mit den bösartigsten Gräueltaten.

Mahnmal am Inn

Solches politische Grübeln hört bei mir auch dann nicht auf, wenn ich eine meiner Rennradrunden im Inntal drehe. Diesmal im Unterinntal mit Startpunkt in Wörgl. Dort, wo der sonst gerade fließende Inn eine eigentümliche S-Kurve macht, zwischen Angath und Kirchbichl, wo das aufgestaute Wasser großteils durch einen 1 km langen Kanal in die Wehranlagen beim Kraftwerk in Kirchbichl fließt und nur Restwasser die Schleife hinunter rinnt, ebendort am Radweg ist ein wichtiges Mahnmal.

Das Mahnmal, es wurde erst 2024 errichtet, mit 10 Bronze-Köpfen auf kupfernen Stelen ist am Kanal unmittelbar vor den Wehranlagen. 8 der Köpfe schauen mit stoischem Blick in Richtung des Kraftwerks. In der Mitte aber ist der Kopf einer Frau und eines Mannes, die sich einander zugewandt haben. Gegenüber am Hügel ist auf einer Anhöhe die Kirche mit ihrem imposanten 78-Meter hohen Turm. Das Denkmal verleitet zum Innehalten und zum späteren Recherchieren. Der Verein „tirol.erinnern“ unter der Leitung von Historikern der Universität Innsbruck haben die Hintergründe wissenschaftlich aufgearbeitet. Das Innkraftwerk Kirchbichl wurde kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten errichtet. Nach Kriegsbeginn im Jahr 1939 wurden dabei vor allem Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf der Baustelle eingesetzt. Dabei gab es ein „Polenlager“, weil hier vor allem Zwangsarbeiter aus dem von Deutschland besetzten Polen zur Arbeit gezwungen wurden. Hunderttausende wurden von den Nazi-Schergen und ihren Handlangern aus allen Gebieten des „Reiches“ und der besetzten Gebiete zur Zwangsarbeit gezwungen. In Tirol sollen es rund 20.000 gewesen sein. Man brauchte sie, weil die „deutschen“ Männer an der Front waren. Das NS-Regime erließ für die Zwangsarbeiter unter anderem Kontaktverbote. Zwangsarbeiter durften in keiner Weise Beziehungen mit der einheimischen Bevölkerung eingehen. Zwei Polen, die in Kirchbichl im Lager waren, sollen aber intime Beziehungen mit zwei einheimischen Frauen gehabt haben. Sie wurden daraufhin mit dem Tod bestraft und im Polenlager exekutiert. Die beiden Frauen wurden in Konzentrationslager gebracht.

Mich beschäftigt vor allem die Frage: Warum nur gab es so wenig Widerstand gegen die bösartige NS-Gesetzgebung? Warum sah man zu, als die Zwangsarbeiter vor ihren Augen misshandelt wurden? Es waren polnische Katholiken in einem katholischen Dorf. Hat der Pfarrer von Kirchbichl mit Blick auf das Polenlager jemals darüber in seinen Predigten etwas Kritisches bemerkt? Von der Kirche konnte man jedenfalls direkt auf das Polenlager und den Exekutionsplatz blicken. Die beiden hingerichteten Polen und die ins KZ gebrachten Frauen wurden vom ortsansässigen Gendarmerie-Kommandanten PFLICHTBEWUSST angezeigt und verraten. Er hat wohl nur seine treue Pflicht erfüllt. Es herrschte, so hätte es wohl Hannah Arendt formuliert, auch in diesem Tiroler Dorf die „Banalität des Bösen“.

Und heute?

Ich radle mich zurück in die Gegenwart. Der Radweg führt unter der Inntalautobahn durch. Massenverkehr. Die Spritpreisbremse ist beschlossen worden. Die Partei mit dem größten populistischen Geschrei und in direkter Proportionalität dazu mit den höchsten Umfragewerten fordert noch mehr: Keine CO-2-Bepreisung. Senkung der Mineralölsteuer. Lkws fahren Stoßstange an Stoßstange. Seit der Blockade am Brenner am 30. Mai hat es keine Änderung in der Verkehrspolitik gegeben. Weiterhin ist der Transit durch Tirol am günstigsten. 36 Euro Mautgebühren für einen Transit-Lkw. In der Schweiz und Frankreich müssten für eine Transitfahrt 200 Euro bezahlt werden. Das Dieselprivileg wird nicht infrage gestellt. Umwegtransit. Tanktourismus. Menschen entlang der Transitrouten sind den gesundheitsschädlichen Belastungen von Lärm, Abgasen und giftigen Feinstoffen ausgesetzt. Die Gartenzwerge in den Gärten der Häuser entlang der Inntalautobahn haben längst einen schwarzen Rußfilm abbekommen. Das öffentliche Interesse wird auf die Demontage des SP-Chefs gerichtet. Er war zu links – er muss gehen. Linke Politik ist keine Mehrheitspolitik in Österreich. Erst etwas später, im Spiel mit meinen Enkelkindern, tauche ich ganz in die Gegenwärtigkeit ein. Für sie möchte ich kämpfen, dass sie „nie wieder“ in einem Land leben müssen, wo Menschenrechte missachtet werden, wo demokratische Spielregeln außer Kraft gesetzt werden, wo feiges Mitläufertum honoriert und Widerständigkeit diskriminiert wird.

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